Praxis Neumarkt III – Glückstag 2.0

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Praxis Neumarkt III
Wo: Theater Neumarkt
Wann: 28.01.2014
Bereich: Theater

Die Autorin

Eva Hediger: Eva Hediger, Jahrgang 1989. Bachelor in Journalismus, Studentin des Masterstudiengangs Kulturvermittlung, «publizieren & vermitteln» an der ZHdK.

Die Kritik

Lektorat: Lukas Meyer.

Von Eva Hediger, 2.2.2014

Die Praxis Neumarkt «Glückliche Tage» eröffnete am Freitagabend. In Kooperation mit «Das Magazin» war das Theaterhaus ein Wochenende lang ein Ort der Begegnung und Übung. Das Neumarkt freute sich nicht nur auf seine Gäste. Sondern auch auf seinen neusten Streich: Den Versuch, kulturelle Ereignisse zeitgleich zu verbreiten. «Twitterati im Theater? Wir probieren’s aus… Kommt vorbei!» Kulturkritik kam am Samstag. Und schickte Esther Becker, Christian Felix und mich in das Abenteuer. Rund fünf Stunden versuchten wir das Glück auf Twitter zu teilen. Die Bilanz? Durchmischt.

Emsige Glückssuche

Der Tag startete mit einem Gespräch zwischen Schriftsteller Adolf Muschg und «Magazin»-Redaktor Thomas Zaugg. Während zwei Stunden lauschte das Publikum einem dichten Gespräch, in welchem das Leben Muschgs sowie sein Streben nach Glück im Fokus standen.  Trotz seines hohen Alters war der Mann ein vifer und begnadeter Geschichtenerzähler. Nicht nur die Erfahrungen seiner Geschwister, sondern auch die eigenen Kindheitserinnerungen und das Glücksstreben in Japan wurden kritisch hinterfragt und anekdotenreich erzählt. Während der Veranstaltung – die übrigens den Titel «Das Glück im ganz Anderen» trug – sassen drei Twitterer im Saal. Unter anderen wurden folgende Impressionen aus dem Saal geschickt:

«‹Wozu werden Leute depressiv?›, fragte eine japanische Übersetzerin Adolf Muschg.»

«Die klassische Psychoanalyse passt in unsere beschleunigte Zeit nicht mehr. 3-4 St./Woche, in denen man nur sich begegnet.»

 «Ich sehe meinen Schatten auf deinem Gesicht› #adolfmuschg zur Entstehung von Feindbildern.»

«Adolf Muschg meint: ‹Das Internet wird keine neue Menschen formen.›»

Vier kurze Zeitzeugen einer komplexen Unterhaltung. Die Kernaussagen des Dialogs in 140 Zeichen lange Statements zu pressen war herausfordernd. Leichter fiel die zeitgleiche Berichterstattung am Nachmittag. Das breite Angebot lockte die Besucher zuerst nur mässig an. Doch in jedem steckte ein Funken Glück: Während im «Wohnzimmer» bei der kostenlosen Massage Entspannungen weggeknetet wurden, wartete Journalistin Michèle Roten auf die Beichten. Schliesslich ist nichts leichter als das reine Gewissen. Oder? Der Programmpunkt verleitete zumindest zu folgenden Tweets:

«Alle wollen beichten, wenigen fällt eine Sünde ein. Das Mutter-Tochter-Gespann einigt sich auf einen Generationenkonflikt.»

«Hmm, auch beim Generationenkonflikt gelandet im Beichtstuhl… Ob Mutter und Tochter zusammen gebeichtet haben?»

Mal tiefsinnig, mal oberflächlich

Ebenfalls um das persönliche Seelenleben ging es bei der Veranstaltung von Birgit Schmid. Ich sass zuerst alleine, später mit einer weiteren Besucherin mit der Journalistin am Tisch – und diskutierte mit ihr über Folgendes:

«Wie schön darf ein Tagebuch sein?»

«Als Teenager brauchte ich einen ereignislosen Tag damit ich mit dem Aufschreiben nachkam›, so Tagebuch-Profi Schmid.»

Zu guter Letzt besuchte ich  die Diskussion zwischen Architekt Markus Peters und «Magazin»-Redaktor Milos Gimes. Die zwei Männer diskutierten fast in Feierabendbier-Laune über Wohnen, Bauen und Glück. Und für all jene, die wie Twitter-Kollegin Esther Becker in einer anderen Veranstaltung sassen, wurden folgende Zitate getippt:

«‹Architektur ist kein Zufall.› Aber vielleicht ein Glücksfall?»

«Architekt Peter zu Journalist Gimes: ‹Die Wohnung muss dir gefallen, nicht mir.›»

«‹Die Genossenschaften wurden korrupt und inkompetent›, teilt Architekt Peter aus.»

Doch auch zwischendurch wurde emigs gezwischtert. Und so  teilten die Twitterati auch Beobachtungen mit der Internetgemeinde:

«Kurzer Publikumscheck: Die Ausseinandersetzung mit dem Glück zeigt bereits Erfolg, die Lächeln-Quote steigt und steigt.»

 «Babyglück? Die Zahl der unter 18-Monatigen ist im Neumarkt erstaunlich hoch.»

«‹Das stört mich jetzt aber›, sagt meine Sitznachbarin, als ich den Computer aufklappe…»

Gegen fünf Uhr endete der Einsatz. Wie das Web und die Welt auf den Twitter-Event reagiert haben, bleibt abzuwarten. Für die Gäste waren die Twitter-Zitate ein netter Überblick über Gehörtes und Verpasstes. Doch eigentlich sollten kulturelle Erlebnisse ohne grosse Ablenkung genossen werden. Dass das Natel deshalb in der Tasche bleibt, ist eigentlich klar. Und so waren die Twitterer wie gute Fotografen: Tippten im richtigen Augenblick den Augenblick – und konservierten so Aussagen, Erinnerungen und Eindrücke. Wer das Gefühl spüren will: Los auf Twitter und nach  #PraxisNeumarkt suchen.

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