Die Blicke der Dinge

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Opak von Eliane Bertschi und Elias Gamma
Wo: Internationale Kurzfilmtage Winterthur
Wann: 06.11.2014
Bereiche: Film+Fotografie, Internationale Kurzfilmtage Winterthur 2014

Kurzfilmtage Winterthur

Kulturkritik ist Partner der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur 2014. Wir begleiteten das Festival und berichteten live.

Der Autor

Philipp Spillmann: 1989 in Zürich geboren. 2014 Living Cases Kurzfilmtage Winterthur.

Die Kritik

Lektorat: Julia Stephan.

Von Philipp Spillmann, 11.11.2014

Opak, das heisst undurchsichtig, lichtundurchlässig. Ein sehr abstraktes Wort. Ein Wort ohne Aussehen. Das dann aber doch Bilder erzeugt. Bilder von milchigem Glas. Von verschwommenen Fensterscheiben. Von dickem Nebel, schummrigen Novembernächten, düsteren Treppenhäusern und schattigen Wäldern. Von der schweigenden Tiefe unter Wasser. Oder vom Nachtwind am Strand, der den Horizont verschluckt.

Was opak ist, schreit nicht. Es flüstert. Es flüstert Szenen einer Welt, die sich entfernt, sich ablöst, auflöst, absinkt, entgleitet. Einsame Szenen. Szenen, wie sie im Kurzfilm OPAK von Eliane Bertschi und Elias Gamma zu einer dichten, mitreissenden Geschichte auswuchern.

Der achtminütige Experimentalfilm schildert einen Ausschnitt aus dem Leben einer jungen Frau. Er handelt von einem einsamen Streifzug durch eine graue, verschwiegene Grossstadt. Und erzählt in Momentaufnahmen. Von ihren Eindrücken, Beobachtungen, Visionen. Von einem Innenleben, bei dem beim näheren Hinsehen nie ganz sicher ist, ob es die Aussenwelt spiegelt oder ob die Umwelt eine Projektion ihrer inneren Bilder ist.

An den Rändern des Bewusstseins

Die Geschichte beginnt zögerlich. Ein weiss-schleieriges Nirgendwo, weich durchsetzt von den ausgewaschenen Konturen eines weiblichen Körpers. Haut, Haare, ein Kleid. Das Hintergrundrauschen eines offenen Fensters. Dann, ein Moment lang, Stille. Eine Hand auf grauem Grund. Und eine Frauenstimme: «In mir drin ist ein Körper.» Schnelle Schnitte, unruhige Bilder, unbestechliche Nahaufnahmen. «Ich will überfallen werden. Will beraubt werden. Ich will durchkaut werden.» Sie wacht auf.

Die Bilder überschlagen sich, die Worte schwellen an. Ein innerer Monolog. Sie ist eine Poetin. Eine einsame Jägerin, die ihrer Stimme folgt. Die sich in Watte packt, abschnürt, isoliert. Um die Augen zu öffnen, für Details, die sonst verloren gehen. Geheimnisse, Schätze, für die es keine Karte gibt. Bruchstücke, so fein, dass sie durch die Finger rieseln. Die nur einen Moment lang da sind. Sie findet sie nicht, diese Dinge, sie wird von ihnen heimgesucht. Dabei gelangt sie so nahe an sie heran, dass die Welt ins Surreale kippt. Dass sie an ihr vorbei rasen, sich überlagern, abreissen. Sie saugt alles in sich auf. Verliert sich in Details, schwimmt in ihnen, ertrinkt.

Glühende Sehnsucht

Bei all den grau untermalten Farben, den Betonträumen, den Unschärfen und subtilen Sounds, ist OPAK doch ein Film starker Kontraste. Kontraste zwischen Worten und Bildern, scharfen Schnitten und weichen Übergängen. Zwischen Erzählung und nicht Erzählbarem, ungreifbarer Nähe und unerreichbarer Ferne, zwischen unterschwelligen Stimmungen und entladenen Gefühlen.

OPAK beschreibt die Welt als etwas, was übrig geblieben ist. Wovon ist unklar, trüb; opak eben. Was bleibt, ist Sehnsucht. Und eine unterschwellige Ahnung, dass da etwas ist.

Die Leidenschaft mit der sich die Protagonistin dieser Sehnsucht hingibt; mit der sie sich an die Ufer ihrer Ahnung treiben lässt, entblösst ein unerwartet politisches Moment: Opazität als Widerstand. Widerstand gegen alles, was so tut, als sei es so, wie es scheint. Auflehnung gegen einen Blick, der die Dinge auszieht, indem er sie ansieht. Der entscheiden kann, wann er sich abwendet. Ein Widerstand, der nur gelebt werden kann, indem er erlitten wird.

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