Welten der Berlinale – Nachlese zur Berlinale 2014

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Berlinale 2014 Blog und Nachlese
Wo: Berlin
Wann: 06.02.2014 bis 16.02.2014
Bereiche: Film+Fotografie, Gesellschaft

Der Autor

Christian Felix: Jahrgang 1960, arbeitet seit 2004 selbstständig als Drehbuchautor. Daneben schreibt er Reden, Buchkritiken, Zeitungs-/Magazinartikel, sowie Editorials (www.christianfelix.ch)

Die Kritik

Lektorat: Moritz Weber.

Von Christian Felix, 20.2.2014

Ein Schauspieler in Brasilien, der als Transvestit auftreten muss, um sich und seine alte Mutter am Leben zu erhalten, eine Teenagerin, die in einer ultrakatholischen Sekte aufwächst und in der Schule nicht mehr zurecht kommt, ein junger Afghane, der für deutsche Soldaten als Übersetzer arbeitet und bald als Verräter gilt – in vielen Filmen leben die Figuren zwischen zwei Welten. Das ist nicht nur spannend. Es spiegelt sich auch auf dem Berliner Pflaster. Vom Restaurant iranischer Exilanten zur Eckkneipe, an deren Stammtisch man sich über Shakespeare-Übersetzungen unterhält, von der Champagner getränkten Premierenfeier zum Lesbenabend in der heruntergekommenen 70er Jahre-Bauten am Kottbusser Tor, vom russischen Lebensmittelgeschäft in den Berlinale Palast: Berlin ist immer zwischen Welten.

Aufgewühlte Gefühle

Die Stadt bot dieses Jahr ein herausragendes Filmfestival. Aufgrund der Stimmung und einzelner Stimmen darf man das behaupten – selbst wenn natürlich viele Wege durch das breite Angebot zum Filmerlebnis führen. Auf dem Pfad des Berichterstatters gab es mehrere Meilensteile. Gute Filme packen den Zuschauer bei seinen Emotionen. So kamen die Gefühle an diesem Festival mehrfach ins Schleudern. Erst an der Theke vor dem Bier, auf langen Fusswegen durch das nächtliche Berlin oder im dichten Gedränge in gerade angesagten Bars konnten die Aufwallungen wieder abebben. Eines ist sicher: Ein Festival spielt nicht im luftleeren Raum. Die Stadt strömt mit in den Saal, als Publikum, aber auch in Form von Eindrücken und Erwartungen. Und der Film flimmert im Kopf wieder hinaus auf die Strassen.

Ganz heftig packte der britische Film «`71» das Publikum. Ein blutjunger Soldat aus der englischen Provinz wird in Nordirland von der IRA gefangen, gleichzeitig aber vom protestantischen Untergrund mit dem Tode bedroht. Er entkommt, im Gegensatz zum Jungen, der ihm das Leben rettet. Eine ähnliche Gefühlsintensität, ähnliche Handlung und hohe Spannung zeigt der Film «Zwischen Welten». Auch hier beendet ein tragischer, richtig gemeiner Tod die Geschichte. Keine der beiden Filme erhielt eine Auszeichnung. Über den Grund dafür kann man rätseln. «`71» sowie «Zwischen Welten» sind in klassischer Art gedrehte, packende Kriegsfilme. Die Berlinale Jury indes sucht erfahrungsgemäss künstlerisch neuartige, aussergewöhnliche Werke, oft aus Ländern, deren Filmschaffen uns Mitteleuropäer sonst kaum erreicht. Der goldene Bär 2014 ging – wie bekannt – an den chinesischen Film «Bai Ri Yan Huo» (Schwarze Kohle, dünnes Eis) von Diao Yinan.

Zwischen den Welten steht die Auszeichnung mit dem silbernen Bären für «The Grand Budapest Hotel» von Wes Anderson. In der möglicherweise beschränken Welt des Berichterstatters war diese Komödie der Absacker auf seinem Weg durch das Festival. Es fällt schwer, den Film ernst zu nehmen. Er erscheint als teures Marionetten-Theater, dessen Humor so platt ist wie ein Gänseblümchen im Herbarium. In der Welt der Jury sah das ganz anders aus. An Komödien scheiden sich die Geister eben mehr als sonst bei Filmen. 

Krieg und Religion

Eher ein künstlerischer Genuss als ein Kreuzweg war der gleichnamige Film von Dieter Brüggemann. Er erhielt den silbernen Bären für das beste Drehbuch, zudem den Filmpreis der ökumenischen Jury. Eine Auszeichnung hätte auch die junge Lea van Acken verdient. Sie spielt in «Kreuzweg» das Mädchen, dass zwischen ihrem religiösen Fanatismus und der Realität ausserhalb dieser Welt zugrunde geht.

Es mag ein Stück weit Zufall sein, dass sich unter den hier und im Blog (auf der Facebook-Seite von Kulturkritik) erwähnten Filmen drei bis sogar vier Werke finden, die sich mit dem katholischen Glauben befassen. Dazu kommen zwei Soldatenfilme. In Kriegen und religiösen Konflikten zeigen sich die Bruchstellen zwischen verschiedenen Welten besonders deutlich. Damit ist die besprochene Auswahl zwar nicht stellvertretend für das ganze Festival, aber doch aussagekräftig. Weniger mit einer Armee, dafür mit der Polizei zu tun bekamen es übrigens Zürcher Schwule in den 1950er Jahren. Der Schweizer Film darüber, «Der Kreis», erhielt einen Teddy und den Panorama-Publikumspreis im Bereich Doku-Essay. Fast schon als Genugtuung hat man den goldenen Ehrenbär und die Hommage für den britischen Filmer Ken Loach aufgenommen. Damit ist die  Berlinale vorbei; es lebe die Berlinale 2015!

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