Tell/Zahhak - ein persisch-schweizerisches Duett

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Tell/Zahhak
Wo: Theater der Künste, Bühne A
Wann: 09.02.2013 bis 16.02.2013
Bereiche: Performance, Theater

Die Autorin

Nadine Burri: Jahrgang 1981, studierte Germanistik und schreibt an einer Dissertation zu alter Geschichte und Literatur, Redaktionsmitglied des Elfenbeintürmers (Historikermagazin der Universität Zürich)

Die Kritik

Lektorat: Patricia Schmidt.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Hochschule der Künste (siehe Unabhängigkeit).

Von Nadine Burri, 10.2.2013

Helden braucht der Mensch! Oder etwa nicht? Eines liefert die Inszenierung TELL/ZAHHAK bestimmt nicht: Antworten auf die Frage nach dem Sinn von Heldentum. Im Gegenteil eröffnet sie neue Blickwinkel, regt zum Mit- und Umdenken an und reisst den Zuschauer in einen Bann aus fremdländischem Gesang, stillen Klängen und buntem Treiben.

Was dein ist, ist auch mein

Im Rahmen des Tellspieljubiläums 2012 entstand die schweizerisch-iranische Co-Produktion der Theater-Gruppen Mass & Fieber aus Zürich sowie Don Quixote aus Teheran. Die beiden Gruppen haben den Freiheitskämpfer-Mythos der jeweils anderen Kultur aufgegriffen und sich den unbekannten Stoff angeeignet. Dies hat eine teilweise eigenwillige Darstellung von Aufstand, Freiheitskampf und Interpretation der Geschichte fremder Kulturen hervorgebracht.

Der erste Teil führt mitten in die Geschichte um Wilhelm Tell, den Apfelschuss und den Mord am Tyrannen Gessler – dies jedoch auf Persisch. Den eigenen Nationalmythos in fremder Sprache und mit Untertiteln zu erleben, lässt ihn entfremdet wirken und bietet zugleich die Möglichkeit einer neuen Perspektive. Die Schauspieler von Don Quixote haben die Symbole der Unterdrückung aufgegriffen, spielen mit dem Hut, dem rotleuchtenden Apfel und einer altertümlichen Armbrust, ohne dabei die Parallelen zur eigenen Kultur zu vergessen.

Reflexion am Rande

Musikalisch untermalt, mit wenigen Worten und Gesangseinlagen lebt die Darstellung der Morde von einer Symbolsprache und ausdrucksstarken Schauspielern. Ihre Mimik und Gestik verleihen den fast schon quälend langsamen Inszenierung eine Spannung, die das Publikum fesselt. In persischer Tracht werden die Landvögte im Hamam gelyncht, beim Umtrunk erdolcht und Tell und Gessler duellieren sich schliesslich beim urchigen Schwingerkampf. Schriftliche Einblendungen über kulturelle Gepflogenheiten in Bezug auf iranische Freiheitskämpfer erinnern immer wieder an die eigene Kultur im fremden Mythos.

Tells Frau, in einen Tschador verhüllt und stets am Rande der runden Bühne, ist das stille Gewissen und gleichzeitig die Reflexion des zentralen Geschehens. Wäre die Gnade der Rache als ehrenvoller Akt vorzuziehen und eines gerechten Helden würdiger als hinterhältiger Mord? Schliesslich distanziert sie sich von Tell und seinen gefeierten Heldentaten und verleiht der Frage nach Rache oder Gnade zusätzliche Bedeutung.

Verwirrender Bruch

Die Überleitung zum iranischen Mythos um den «Drachenkönig» Zahhak erscheint komisch und erinnert zuerst an eine verpatzte Zirkusdarstellung. Ein schriller Clown stürmt die Bühne und leitet in breitem Basler-Dialekt die persische Dichtung aus dem «Buch der Könige» ein. Durch einen Pakt mit dem Teufel erlangt König Zahhak die Krone. Doch der Kuss des Satans hat ihm zwei Schlangen aus den Schultern spriessen lassen, die täglich nach frischen männlichen Gehirnen gieren. Daher erobert er den bevölkerungsreichen Iran, dessen junge Männer ihm als Nahrung für seine Gifttiere dienen.

Sehr viel lebhafter, lauter und chaotischer inszenieren die Schauspieler von Mass & Fieber den persischen Mythos um den Freiheitskämpfer Feridun als rappenden Helden, einer bunten Kuh als Mutter und dem schweizerischen Bundesbrief. Dabei ist ihre Darstellung nicht weniger fesselnd. Insbesondere durch die kontinuierliche Erwähnung aktuellen politischen Geschehens erhalten die eigentlich toten Helden eine lebendige Aktualität. Die zunehmend «hirnlose» Gesellschaft wird zur Zumutung und ruft unweigerlich einen Widerstandskämpfer auf den Plan: den Schmid Kaveh. Zusammen mit Feridun, einem Nachkommen des einst durch Zahhak ermordeten Königs, ruft er zum Widerstand gegen den Tyrannen auf.

In einem Stelldichein aller Figuren nimmt diesmal ein Engel die Rolle des Gewissens ein, welcher die Gnade der Rache vorzieht. Tell, seiner Rachgier bereits erlegen, kann das Blut nicht mehr von seinen Händen waschen. Feridun hingegen verschont den tyrannischen König und bestraft ihn mit Verbannung. Doch die Frage bleibt, was dann noch der Sinn sein soll? Weshalb wird die Geschichte überhaupt erzählt? Die Antwort können nur die Mythenerzähler selbst geben, die Helden bleiben lediglich als Gefässe erhalten, die jede Generation mit ihrem eigenen Sinn füllen.

Das Elysium der Helden

Das Publikum wird gebeten, den «Garten der Helden» nun selbst zu betreten. In einem interaktiven Parcours wird es dazu aufgefordert, selbst über seine Helden und den Sinn und Unsinn von Heldentum nachzudenken. Versteht man eine Kultur nur, wenn man ihre Helden versteht? Oder ist es die Kultur selbst, die ihre Helden schafft? Bilder, Skulpturen, kleinere Inszenierungen und Hörspiele ziehen den Zuschauer mitten in die Diskussion hinein, regen zur Reflexion an und öffnen Türen zur neuen Betrachtung alter Freiheitskämpfer.

 

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