Altä Has, red doch nochli wiiter

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Stiller Has: Böses Alter
Wo: Im Hochhaus, Limmatplatz
Wann: 11.10.2013 bis 12.10.2013
Bereiche: Musik, Performance

Die Autorin

Antonia Steger: Jahrgang 1988, studiert Germanistik und Kulturanalyse im Master, arbeitet daneben im Ausstellungsbereich (Kommunikation/Redaktion).

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben vom Migros-Kulturprozent (siehe Unabhängigkeit).

Von Antonia Steger, 13.10.2013

Mal angenommen, die aktuelle Tour von Stiller Has wäre die erste. Was lässt sich jenseits ihres berühmten Namens über diese Band sagen, die sich in 25 Jahren ihres Bestehens einen festen Platz in der Schweizer Musikgeschichte erobert hat?

Der Stille Has als alter Mann

Im Zentrum steht Endo Anaconda. Ein süffisanter Provokateur, ein intellektueller Saugoof-Poltergeist. Ein Brocken von Mann. Oder in noch einmal anderen feuilletonistischen Wortschwurbeleien: ein «schräger Volkstümler und rustikaler Grobschlächterpoet» (Tages Anzeiger), ein «barocker Wort- und Stimmkünstler» (NZZ), einer, der Magensäure rausschleudert, «von der sich viel bilden kann in diesem gewaltigen Ranzen, zu dem er sich stolz bekennt» (Schwäbische Zeitung). Endo Anaconda, der Mann, der so schlecht singen und so grossartig texten kann.

Alt sei er geworden, das betont er ununterbrochen. Manchmal etwas gar penetrant, aber doch stets mit einem bissigen Sarkasmus. Die 13. CD der Formation heisst «Böses Alter» und sie zeichnet viele Bilder des Älterwerdens. Zynisch sind diese Bilder, wenn «sturi alti Manne» ihren Opel in Hydranten lenken, sie «luege uf d büppi, statt uf d ample» («Böses Alter»); existenziell melancholisch nach einem verkaterten Zusammenbruch «mit em Flückiger, mitem Endo u mit mir» («Toti Sigarette»).

Auch alte Lieder lassen sich am Konzert neu wiederentdecken. So der «Pirat», der in seiner Karriere nach und nach alle Körperglieder verloren hat, aber «pirat sy isch e zueschtand vo de seel». Ein Gleichnis fürs Altern? Von Glück könne er sprechen, dass so viele Leute den Lift ins Hochhaus zur Kleinkunstbühne des Migros-Kulturprozent gefunden hätten,. Gelächter. Aber er wisse nicht, ob sie aus Mitleid oder aus Schadenfreude gekommen seien. Wieder Gelächter. Man versteht sich. Ist das Publikum zusammen mit dem Stillen Has gealtert?

Kongenial und bescheiden: Schifer Schafer

Seit der ersten Stunde mit dabei ist René «Schifer» Schafer, Gitarrist und musikalischer Leiter. Dünn und unscheinbar steht er auf der Bühne, oft wird sein Beitrag zum heutigen Stillen Has neben dem fülligen Endo Anaconda übersehen. Dabei komponiert er kongenial die bescheidene Musik, welche die wortgewaltigen Texte nie übertönt, sondern ihnen bluesig und rock’n-rollig erst zur vollen Wirkung verhilft. Nur in einigen Solostellen dreht Schifer Schafer auf – dafür dann so richtig. Die neuen Bandmitglieder Salome Buser (Bass) und Markus Fürst (Schlagzeug) leisten das ihrige dazu. Das ältere Lied «Znüni näh» lässt die Band denn auch so richtig krachen, gut platziert als musikalischer Fäger am Ende des Konzerts.

Der Anti-Bünzli, der gerne Schweizer ist

Und doch beginnt und endet alles wieder bei Endo Anaconda, der die Identität von Stiller Has nach aussen prägt. Denn da ist etwas, was auch unvoreingenommene (Noch-)Nicht-Fans begeistern könnte. Es sind diese pointierten Sprüche zur Schweiz und zum Schweizersein, die weder in tranigem Lamento noch in bünzliger Selbstglorifizierung enden. Genau beobachtet und schlau getextet. Immer noch grandios ist sein Lied «Merci»: «merci dass mir nie Chrieg hei gha / ussert dä deheime oder uf der Outobahn (…) merci dass i ha dörfe öppis lehre / bruchsch Matur zum Ghüderchübel lääre (…) merci für ufe merci für abe / merci für nes ewigs gsungs u längwiligs Läbe / merci für alles wo ni verlore ha». Schöner wurde die Schweizer Zwiegespaltenheit nie besungen. Und doch: «aber i wott meh / meh als mönschemöglich isch / i wott nech ändlech lache gseh».

Endo Anaconda ist gerne Schweizer. Und jetzt: gerne ein alter Schweizer. Als dieser kann er die Engstirnigkeit weiter herausfordern, das Sicherheitsgefühl durchwirbeln. Von dieser Reibung lebt er. Er kommt aus einer Generation, welche die Globalisierung noch nicht mit der Muttermilch getrunken hat. Ob es damals schöner war oder nicht, sei dahin gestellt. Mit dieser eigentümlichen Schweiz hat er sich bis heute mit böser Zunge, aber ohne Arroganz und Abschätzigkeit auseinandersetzt. Wohltuend. Wohltuend anders als beispielsweise die Diagnose des ehemaligen Auslandredaktors der «NZZ am Sonntag», Christoph Plate, in seiner Schlussrechnung (siehe hier).

Endo Anaconda ist, so kommt es einem vor, ein Relikt aus alter Zeit. Einer Zeit vor dem Kommentarkrieg im Internet und der Abwanderungswelle der deutschen Kreativszene nach Berlin. Doch es gibt keinen Grund zum Pessimismus. Gerade in Berlin bildet sich eine Nachfolgegeneration stiller Hasen. Mit einem neuen Blick, einem Blick von Aussen, beginnen sich ausgewanderte Kreative wieder mit der Schweiz zu beschäftigen, wie jüngst Spiegel Online berichtete (siehe hier). Mögen ihre Stimmen ebenso laut werden wie die vom Stillen Has. Seiner eigenen, klug überzeugenden, selbstbewussten kann man auf seiner Tour quer durch die Schweiz zuhören.

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