Kunst im Alltag: Ein Stadtspaziergang durch Winterthur

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Stadtführung Winterthur: Kunst im Alltag
Wo: Winterthur
Wann: 25.10.2013
Bereich: Zürich liest 2013

Zürich liest

Kulturkritik ist am Buchfestival Zürich liest. Wir begleiteten das Festival und berichteten live.

Die Autorin

Janine Meyer: Seit Herbst 2013 studiert Janine im Master publizieren & vermitteln an der Zürcher Hochschule der Künste. Davor absoliverte sie den Bachelor ZFH in Kommunikation in Winterthur, hat Ausflüge in den Journalismus, die Werbung und auch die PR gemacht, bevor sie sich in der new economy an Aperol Spritz und lange Arbeitszeiten gewöhnt hatte – und jetzt eben wieder studiert. Daneben arbeitet sie als freie Journalistin und glühende Tastatur (akademanie.tumblr.com). Geboren ist sie im Oktober 1983, ihre Grossmutter sagt, es sei unerhört heiss gewesen für diese Jahreszeit.

Die Kritik

Lektorat: Patricia Schmidt.

Von Janine Meyer, 28.10.2013

Wir überqueren Strassen im Gänsemarsch, bestaunen comicähnliche Malerei an Kirchenwänden und stellen fest, dass man die Augen ruhig ein bisschen offen halten kann. Offen für Unerwartetes, Schönes, Nachdenkliches – für die Kunst im öffentlichen Raum. Der Stadtspaziergang durch Winterthur führt vorbei an Arbeiten grosser Meister und Werken unbekannter Künstler.

Pünktlich um 17:30 Uhr hat sich eine Gruppe von etwa zehn Leuten vor dem Büro von Winterthur Tourismus im Bahnhofsgebäude versammelt. Es sind Winterthurer und Auswärtige, alle aber mit der Stadt vertraut, die Sylvia Seibold, unsere Stadtführerin für den heutigen Abend, 90 Minuten lang Stadt begleiten werden.

Noch im Inneren des Gebäudes macht sie uns auf das raumfüllende Werk von Mario Sala aufmerksam. Es ist ein mehrteiliges, verspieltes Werk. «Afrika» steht in grossen, spiegelverkehrten Lettern über dem Gang, am einen Ende des Entrées finden sich bunte Punkte auf Spiegeln, am anderen Ende zwei Sonnen. Damit habe man im Bahnhof ein «Plätzchen für die Kunst einräumen wollen» erklärt Sylvia Seibold.

Der Güggel und der Bundespräsident

Vom Bahnhof aus gehts weiter zum Pfau gleich beim Musikpavillon hinter dem Manor, einer Plastik von Alain Garnier. Dass Garnier Materialien verwendet, die er auf Schrottplätzen oder im Sperrmüll zusammengesucht hat, unterstreicht seine Aussage: «Nichts, was wir wegwerfen, ist wirklich wertlos.»

Die Figur Le paon de Ziegelhütte ist zwar als Pfau zu erkennen, wird aber von vielen schlicht Güggel genannt. Gleich gegenüber steht eine überlebensgrosse Büste von Dr. Jonas Furrer, dem ersten Bundespräsidenten der Schweiz. Im Gänsemarsch überqueren wir die Strasse und bleiben vor der Figur stehen. «Interessant ist, dass er auf einen Sockel gehoben wird, obwohl er die Demokratie so verteidigt hat», erzählt Sylvia Seibold schmunzelnd.

Der Werbegag und der Elefant

Einige Meter weiter am Stadttheater erfahren wir nicht nur, dass die grauen Platten auf dem Haus aus Blei sind, sondern auch, dass die vorgesehene Renovation und das damit verbundene Entfernen der Platten dem Theaterdirektor ganz schön Kopfzerbrechen bereitet. Unsicher ist nämlich, ob die Bleiplatten nach heutigen Bestimmungen wieder montiert werden dürfen.

Als gesichert gilt dafür aber die Herkunft des Übernamens Elefantendusche für den Brunnen mit dem tropfenden Dach von Günther Uecker: Ein findiger Theaterdirektor hat den Brunnen in den 1980er Jahren für einen Werbegag genutzt. Er liess mindestens einen Elefanten des Zirkus Knie durch die «Dusche» spazieren. Dem Elefanten soll der Gang Spass gemacht haben, dem Theaterdirektor weniger, sind doch unter dem Gewicht des Elefanten einige Bodenplatten geborsten. Weiteren Elefanten blieb der Genuss der Winterthurer Dusche daher verwehrt.

Drei Akte und ein Barockhäuschen

Die Aktplastiken im Stadtgarten, es sind deren drei, stehen zwar an prominenten Plätzen und fallen dennoch kaum auf. Erst als Sylvia Seibold erklärt, dass die beiden Figuren im Inneren des Parkes von Künstler Hermann Haller stammen, jene an der Stadthausstrasse aber von Gerhard Marcks, der übrigens auch am Bauhaus unterrichtete, fallen die Unterschiede auf. Wir spazieren am schmucken Barockhäuschen vorbei, in dem offensichtlich ein Fest stattfindet, dringt doch Gelächter und gelegentlich Gläserklingen nach draussen.

Die Wurst und das Eisenbahnunglück

Vor dem Haupteingang der Axa Winterthur Versicherung liegt ein rosarotes Etwas im Wasser, das aussieht, als wäre es aus Papiermaché. Ist es aber nicht, es sind bemalte Aluminiumplatten, die da im Wasser schwimmen. Das Werk heisst schlicht Öl, wird in der Umgangssprache aber viel treffender Wurst genannt. Geschaffen hat es der österreichische Künstler Franz West als Auftragswerk für die neue Axa Winterthur.

Langsam setzt die Dämmerung ein und die Farben verlieren an Kraft. Das ist ein bisschen schade, lebt doch das nächste Kunstwerk, eine Eisenplastik des Künstlers Silvio Mattioli, von seiner rot-blauen Farbgebung. Im schwindenden Licht sieht die Plastik fast so aus, als wären Zugwagen zusammengestaucht worden – und wir verstehen, warum das die Figur den Übernamen Eisenbahnunglück trägt.

Der Holidi und die Heiligen

Bevor wir die letzte Station aufsuchen, statten wir dem Holzmann Holidi beim Oberen Graben einen Besuch ab. Sein Ende scheint trotz eines Sturmes der Empörung beschlossene Sache. Aber immerhin, so erzählt uns Sylvia Seibold, werde darüber nachgedacht, ihm auf dem Friedhof Rosenberg die letzte Ruhestätte einzurichten.

Die letzte Etappe führt uns zur Stadtkirche, in der ein einsamer Organist fromme Melodien übt. Sylvia Seibold bedeutet uns, leise zu sein und führt uns ins Kircheninnere. Wir bestaunen die unerwartet farbenprächtigen Heiligenbilder an den Wänden, die mit ihren dicken, schwarzen Aussenlinien und den grünen Haaren fast wie Comicfiguren aussehen. Doch weit gefehlt, der Stil kommt aus der Glasmalerei und ist heute in kaum einer Kirche mehr zu finden, wie Sylvia Seibold uns abschliessend erklärt.

Nach rund 90 Minuten ist der unterhaltsam-lehrreiche Spaziergang beendet und die Gruppe löst sich noch auf dem Kirchplatz auf, während die Kirchentüren abgeschlossen werden und der Organist wieder ungestört seinen Übungen nachgehen kann.

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