Tanze. Fühle!

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: See-Through
Wo: Theater der Künste, Bühne A
Wann: 09.05.2013 bis 10.05.2013
Bereiche: Performance, Tanz

Die Autorin

Patricia Schmidt: Jahrgang 1985, studierte Publizistik, Politik und Literaturwissenschaft in Zürich, arbeitet im Consulting.

Die Kritik

Lektorat: Nadine Burri.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Hochschule der Künste (siehe Unabhängigkeit).

Von Patricia Schmidt, 11.5.2013

Beim Betreten der Bühne A des Theaters der Künste sucht man vergebens nach Halt. Ein Gefühl des Verlorenseins stellt sich augenblicklich ein. Keine Stühle, kein markierter Halbkreis, der darauf hinweist, man solle sich als Zuschauer dort einfinden. Keine erhöhte Bühne und kein Bühnenbild sind zu finden, um die Welt, in die man gleich eintauchen wird, von der leeren Halle abzutrennen, einen Schutzbereich zu schaffen. Nur zwei weisse Tücher, mitten im Raum aufgespannt, weisen darauf hin, dass man sich wohl nicht verlaufen hat, nicht versehentlich eine leere Lagerhalle, ein Provisorium oder eine Probebühne betreten hat. Lange hält sich dieses Gefühl. Die Zuschauer, am Boden kauernd, blicken unruhig umher, zur Decke und auf den Boden, beobachten einander und die eigenen Hände im Schoss. Dann geht das Licht aus.

Als die Tänzerin (Jasmine Ellis) kurz darauf mit einer Stirnlampe den Raum betritt, beginnt ein Spiel der Beobachtung. Eine Studie, möchte man fast sagen. Immer wieder knipst sie die Lampe aus, wieder ein, tanzt, rennt, springt, sitzt, berührt sich, dehnt ihren Körper, zieht an ihrem Kostüm (Marisa Tiefenthaler/Elisabeth von der Thannen), öffnet und schliesst Klettverschlüsse. Die Bilder und Geräusche, die dabei entstehen, bleiben auch nach zigfacher Wiederholung eigenwillig. Gleichzeitig werden Aufnahmen (Video: Jennifer Amelle Vogel), intimste Einblicke in Grossaufnahme, des Körpers und der Motorik der Tänzerin auf die Leinwände projiziert. Der Zuschauer beobachtet, hört, sieht und verschwindet langsam in seine eigene Gedankenwelt. So sieht ein Nacken aus, wenn die Haut sich spannt, die Hände, wenn die Finger gegen den Boden drücken, Beine, Gelenke; so hört sich also das Ankleiden und Entkleiden an, das Geräusch von Stoff, wenn man ihn in der Bewegung streift – fast komisch, wie einem das so nie aufgefallen ist. Dann setzt die Musik ein (Martin von Allmen): schnell, mechanisch, Ellis bewegt sich im Takt. Die Gelenke, die Sehnen, die Knochen, die Haut, alles greift ineinander wie Zahnräder, alles passt und wirkt dabei besonders fremd. Zum Schluss steht Ellis ganz still da, ihr Atem beruhigt sich. Sie steht mit dem Rücken zur Halle und blickt minutenlang auf eine der Leinwände. Darauf ist noch immer sie selbst zu sehen.

Die Sinnlichkeit des Körpers

«see-through», ein Masterprojekt der Zürcher Hochschule der Künste, kombiniert zeitgenössischen Tanz, Video, Ton und Installation (Konzept: Allison Nichol Longtin), um die starre Trennung zwischen Darstellung und Beobachtung aufzusprengen. In immer neuen Perspektiven regen die auf Leinwände projizierten Aufnahmen der Tänzerin zur Bewegungsstudie an, zur Selbst- und Fremdbeobachtung. Stetig vermischen sich dabei die Einblicke mit den eigenen sinnlichen Erfahrungen und es ist bald fast so, als würde man selbst durch die leere Halle tanzen, sich selbst berühren und erfahren. Schnell wird „see through“ zur kinästhetischen Erfahrung.

Nach rund einer Stunde endet «see-through» wie es begonnen hat – mit Dunkelheit und dem Gefühl, beim Verlassen der Bühne A irgendwo falsch abgebogen zu sein und nicht jene Performance gesehen zu haben, die man sich doch eigentlich in die Agenda eingetragen hatte. Und genau da liegt die Stärke von «see-through». Tatsächlich werden Sehgewohnheiten und Sitzmuster gesprengt. Die Unruhe, welche dieser Veränderung entspringt, paart sich mit der ungeheuren Ruhe der projizierten Aufnahmen. Der Tanz rückt in den Hintergrund und der Körper – jener der Tänzerin wie der eigene – wird präsenter. Später, an der frischen Luft, legt sich dieses Verlorensein, die Unruhe. Man findet sich langsam wieder in die gewohnte Welt ein, spürt sich wieder im Alltag – nur scheinen die fünf Sinne plötzlich mehr zu fassen als je zuvor.

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