Die Kunst gesittet Pfui zu sagen

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: much ado about... - Vorträge und Workshops
Wo: Literaturhaus Zürich
Wann: 29.11.2013
Bereich: Gesellschaft

Die Autorin

Esther Becker: Nach einem Theaterstudium an der Zürcher Hochschule der Künste und der Hochschule der Künste Bern studiert Esther Becker momentan literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Sie arbeitet als freie Autorin und Performerin (www.bignotwendigkeit.de) und schreibt regelmässig für die Fabrikzeitung der Roten Fabirk Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Christian Felix.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: ZHdK / Z+ (siehe Unabhängigkeit).

Von Esther Becker, 4.12.2013

Dem umständlichen Titel «Much ado about… Kritik, Evaluation und Innovation in künstlerischen und forschenden Feldern» zum Trotz, ging es nach knackigen, Zitatbespickten* und den Einführungsworten von Isabelle Vonlanthen (Literaturhaus) und Corinna Caduff (ZHdK),ohne Umschweife zur Sache.  Den Auftakt bildeten drei sehr unterschiedliche Impulsvorträge.

Sich dem Kontrollwahn zur Wehr setzten

Die Schriftstellerin Ruth Schweikert, eine der drei Hauptinitiantinnen von «Much ado about…» , machte den Anfang. Ihre «Auslegeordnung», beschrieb die Absurdität des zeitgenössischen Optimierungs- und Kontrollwahns. Als Beispiel nannte sie etwa die standardisierten Evaluationsfragebögen an Kunsthochschulen, oder mehrseitige  Kompetenzerläuterungen für die Turnübungen im Kindergarten.  Ein unverhältnismässiger  Aufwand, der das Ausbügeln von Defiziten zum Ziel habe, aber gleichzeitig eine Normierung anstrebe, gegen die es sich zur Wehr zu setzten gelte, wolle man verhindern, dass sich eine «Brave New World» Dystopie verwirkliche. Auf die Frage, was ihr Gegenvorschlag sei, bezog sich Schweikert auf ihre zwei semestrige Tätigkeit als «Observer in Residence» an der ZHdK (siehe ihre Observatio I–VI), wo sie als «teilnehmende Beobachterin» die Prozesse, die normalerweise im Schatten des Resultats verschwinden, sichtbar zu machen versuchte.  Diese freie, qualitative Evaluation, sei auch bei den Beteiligten gut angekommen. Es fanden Auseinandersetzungen statt, konfliktuell, aber immer respektvoll. Letzteres traf nicht immer auf die Veranstaltung «Much ado about…» zu.

Objektiv über den Rubikon?

Nach Dorriet Müller Meyers Referat wehte aus dem Publikum ein angriffiger Wind. Die CIO im Bereich Persönlichkeitsentwicklung setzt in ihrer Arbeit auf «Beschreiben vor Bewerten». Die Methode? Das Vier-oder-mehr-Augen Prinzip. Der Massstab? Vergleichen. Sie erläuterte ein paar Beispiele ihrer «subjektiven Diagnostik»,  für die sie angestellt wird, beschreibt diese als authentisches, konstruktives Feedback. Beratende müssten gute Fragesteller sein, nicht gute Ratgeber. Auch ginge es nicht immer darum,  herauszufinden, warum etwas falsch laufe. Die Erkenntnis, dass etwas falsch laufe, reiche aus. Die Lösung: Neue Verhaltensweisen ausprobieren. Damit Magie wirken könne, müsse man sich aus der «Comfort Zone» herauswagen, über den Rubikon gehen eben. Kritik sei eine Grenzüberschreitung, eine Exponierung, manchmal unangenehm, für beide Seiten. Das wurde unmittelbar bestätigt, als aus dem Publikum angriffig gezweifelt wurde, ob sie denn wirklich so objektiv sein könne? Sichtlich irritiert von der mitschwingenden Feindseligkeit fragte sie zurück: «Ist das eine Ernst gemeinte Frage?»

Und jetzt alle

Auch nachdem Astrophysiker Kevin Schawinski sein innovatives Online Citizen Science Projetk «Galaxy Zoo» vorgestellt hatte, das die «Weisheit der Menge» nutzt, um Galaxien zu klassifizieren, hagelte es kritische Fragen. Der schmissige Powerpoint-Vortrag, mit allem, was das Herz begehrte – von Tierbildern bis zu humorvollen Zwischentiteln –, erklärte den einfachen Bürger kurzum zum «Bürger-Wissenschaftler». Jeder könne, dank der menschlichen Fähigkeit zur Mustererkennung, mit der sich Abweichungen in Bildern besser feststellen liessen als mit Supercomputern, online mitarbeiten. Kognitiver Überschuss, der sonst gerne beim Fernsehen draufginge, sei mehr als genug vorhanden. Dennoch mochte der unterhaltsame Vortrag  nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der Mitarbeit der Bürger lediglich um reine Zuarbeit für die «echten» Wissenschaftler handelt.

Spagat aus Leidenschaft

In der Kaffeepause  galt es, sich für einen der vier Workshops zu entscheiden: je einen mit Katrin Eckert (Literaturhaus Basel), Daniel Fuerter (Musiker und Dozent der ZHdK), Anne-Catherine de Perrot (Evalure: Zentrum für kulturelle Evaluation) und Suzann-Viola Renninger (Philosophin UZH). Vorausgeschickt wurde die Ankündigung, Ruth Schweikert würde bei allen kurz reinsitzen und (was sonst?) teilnehmend beobachten. Zum Abschluss dann noch mal ein gemeinsames Podium.

Bei Katrin Eckert ging es ehrlich und pragmatisch zu. Fazit: «Programmarbeit zwischen Qualität und Mainstream» bedeutet einen Spagat zwischen Besucherzahlen-Statistik und Leidenschaft für wenig besprochene Debutromane. Was tun, wenn man als VeranstalterIn einerseits nicht nur auf grosse Namen setzten, andererseits aber auch die «schrecklichen fünf Leute» im Zuschauerraum vermeiden will? Ein möglicher Ansatz: Unbekannte Autoren lesen als eine Art Support Act im Vorprogramm renommierterer Kollegen.

Fragen bleiben

In der Abschlussrunde kam in Schweikerts Bericht über die vier Workhops («keine Zusammenfassung») unter anderem die These auf, Evaluationsvorgänge seien Willkür und entsprechend unnötig. Mehrheitlich kam die Runde jedoch zu dem Schluss, Evaluation sie nicht grundsätzlich des Teufels, aber auf das «Wie» käme es an. Evaluation bedürfe eines kulturellen Gedächtnisses und solle Mut zur Verantwortung zeigen. Ergo: Der Kritiker als Hofnarr, der einzige, der inmitten von Lügnern die Wahrheit spricht. Da bleibt bloss die Frage stehen, von wem dann der Hofnarr evaluiert wird? – Einigen konnte man sich auf Folgendes: Was bleibt, sind immer die Fragen!

*«Ihr habt das Recht, gesittet Pfui zu sagen.» (Goethe)

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