Kulturpresseschau: «Wir bräuchten das Geld»

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Kulturpresseschau

Was läuft in der Kulturwelt? Worüber wird in den Feuilletons, Sendungen, Blogs und Portalen gesprochen und gestritten? In der regelmässigen Kulturpresseschau von kulturkritik.ch greifen wir aktuelle Themen und Diskussionen der Kulturpublizistik auf, führen sie zusammen, kommentieren und verlinken auf die interessantesten Texte dazu.

Der Autor

Lukas Meyer: Jahrgang 1983, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur und arbeitet als freier Journalist und Texter in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Dieser Beitrag wurde durch eine Patenschaft ermöglicht. Herzlichen Dank (siehe Unabhängigkeit).

Von Lukas Meyer, 19.4.2013

Der Kulturblog «Der Umblätterer» kürt jedes Jahr die besten Feuilleton-Texte. Die natürlich subjektive, aber sehr vielfältige Auswahl für 2012 bietet von der Rezension über das Porträt bis zur Glosse, von Günter Grass über Richard Wagner bis hin zum französischen Präsidentschaftswahlkampf alle möglichen Formate und Themen und damit einen guten Überblick über die deutschsprachige Kulturpublizistik. Dabei dominieren die altehrwürdigen Zeitungen: «Frankfurter Allgemeine» und «Süddeutsche», «Zeit» und «Welt» – und aus der Schweiz ist die «NZZ» ist vertreten.

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In den Diskussionen um die Zukunft des Journalismus steht nach dem Aus der deutschen «Financial Times» und der Insolvenz der «Frankfurter Rundschau» immer mehr die meist prekäre Finanzlage im Zentrum. Neben staatlicher Förderung, wie zum Beispiel von Perlentaucher-Gründer Thierry Chervel gefordert, rückt dabei das Prinzip des Crowdfunding ins Zentrum. In Deutschland ist mit den Krautreportern die erste auf journalistische Projekte spezialisierte Plattform online gegangen, dank der mittlerweile schon einige Projekte Geld gefunden haben.

In der Schweiz gibt es seit über einem Jahr die beiden Crowdfunding-Plattform Wemakeit.ch und 100 Days, wo neben künstlerischen auch journalistische und publizistische Projekte durchgeführt wurden und werden, wie zum Beispiel das Kultur-Magazin «Quottom» oder das Buch zum Zürcher Rock-Club Abart, welches das Projekt mit dem meisten eingespielten Geld ist bisher. Ob dies mittelfristig eine solide Grundlage für die Finanzierung der Medien sein kann, wird sich weisen. Dass etwas passieren muss, zeigt auch der Tumblr-Blog «Was Journalisten verdienen», der auflistet, was für Honorare an freie Journalisten gezahlt werden.

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Nicht nur in Sachen Finanzierung, auch was Form und Inhalt angeht, ist die Zukunft sehr offen – zum Beispiel in der Literaturkritik. Konkurrenz kommt hier von Amateuren: Die Buchrezensionen auf Verkaufsseiten wie Amazon oder Netzwerken wie Lovelybooks werden immer beliebter und konkurrenzieren die etablierten Literaturpäpste der grossen Feuilletons. In unzähligen Blogs kann man von Fanseiten über solide Rezensionen bis zu fast wissenschaftlichen Abhandlungen fast alles lesen. Auf Culturmag meldete sich Publizistin Zoe Beck zum «Frontenkrieg sogenannte Leitmedien vs. Amazon-Kunden» zu Wort. Sie meint, «Kritiker sind auch nur Leser», wenn auch mit einem anderen Anspruch und anderer Herangehensweise als die Dilettanten (im besten Sinne des Wortes), und plädiert dafür, beide Seiten anzuhören – auch wenn einem am Schluss nur eines übrig bleibe: «Selbst lesen.»

Auch der Journalist und Filmwissenschafter Georg Seesslen sieht  in seiner Kolumne im evangelischen Online-Magazin Chrismon mit dem Titel «Auftritt der Hofnarren» die Kritik in der Krise. Er erkennt darin ein Problem der gesamten Gesellschaft, glaubt aber an die Notwendigkeit und die Wiedergeburt, denn «es gibt keine Kultur ohne Kritik».

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Nicht nur im Netz mit Kultur beschäftigt sich das Berner Kulturmagazin «ensuite», sondern vor allem in einer monatlich gedruckten Ausgabe – und das seit 10 Jahren. Im Interview mit der Berner Zeitung gibt Gründer Lukas Vogelsang Auskunft. Finanziell sei es immer ein Kampf, meint er, und hätte gerne – wie die ersten vier Jahre – Förderung durch die Stadt Bern: «Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass das, was wir von ‹Ensuite› machen, klar förderungswürdig ist – und wir bräuchten das Geld.»

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Schon einiges länger gibt es das Kulturmagazin «Spex» – nämlich genau 33 1/3 Jahre. Aus diesem Anlass haben der ehemalige Chefredakteur Max Dax und Anne Waak im Metrolit Verlag eine Art Best-of kompiliert, mit Texten von Rainald Goetz, Diedrich Diederichsen, Dietmar Dath oder Mark Terkessidis. Das gab Anlass für einige grundsätzlichere Überlegungen zum Pop(kultur)journalismus, wie ihn die Spex betreibt. Max Dax antwortete der «Welt», Diedrich Diedrichsen der «Jungle World», und auch die «Taz» gab ihren Senf dazu.

Kein Wunder bei einer Zeitschrift, die stets umstritten war, bei der jeder Redakteurswechsel ein Politikum wurde. Als der amtierende Chef Torsten Gross vom Rolling Stone kam, wurde wieder mal Ausverkauf und Anbiederung geschrien, und das nicht zum ersten Mal. Ob man das Buch liest oder die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift – beides kann anregend und gewinnbringend sein.

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