Kulturpresseschau: «Lieber ein Verriss als Ignoranz»

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Kulturpresseschau

Was läuft in der Kulturwelt? Worüber wird in den Feuilletons, Sendungen, Blogs und Portalen gesprochen und gestritten? In der regelmässigen Kulturpresseschau von kulturkritik.ch greifen wir aktuelle Themen und Diskussionen der Kulturpublizistik auf, führen sie zusammen, kommentieren und verlinken auf die interessantesten Texte dazu.

Der Autor

Lukas Meyer: Jahrgang 1983, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur und arbeitet als freier Journalist und Texter in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Dieser Beitrag wurde durch eine Patenschaft ermöglicht. Herzlichen Dank (siehe Unabhängigkeit).

Von Lukas Meyer, 26.5.2013

Pianist Oliver Schnyder redet mit Mark van Huisseling in der «Weltwoche» über sein Verhältnis zur Musikkritik. Zuerst äussert Journalist van Huisseling seine Meinung über eine – positive – Besprechung eines Auftrittes von Schnyder und vor allem über die Journalistin und die Zeitung: «Ich überlege mir, weshalb jemand, der entweder so viel weiss oder so gut bluffen kann, beim ‹Landboten› in Winterthur gelandet ist.» Schnyder meint, besonders wichtig seien ihm Kritiken nicht: «Ich habe kein Argus-Abo. Und weiss nicht, wie repräsentativ Kritiken sind, ob das die Leute noch lesen. Ich hoffe aber, dass sie überleben, es ist eine Form von Wertschätzung von gesellschaftlicher Seite; lieber einen Verriss als Ignoranz.»

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In der deutschen «Welt» sieht Ioan Holender, ehemaliger Direktor der Wiener Staatsoper, ein anderes Problem in diesem Fach: «Äquidistante, sachliche und kundige Musikkritiker gibt es kaum mehr, die meisten lassen sich durch diverse Vorberichte, Interviews, Reiseempfehlungen und sogar Bücherschreiben über die Protagonisten von diesen selbst bezahlen. Wie kann ein Musikkritiker Negatives über ein Opernhaus schreiben, wenn er ein bezahltes Buch über dessen Direktor schreibt?»

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Im gleichen Kontext stellt das Bundesamt für Kultur eine etwas andere Frage, nämlich «Where the hell is the press?». Unter diesem Titel ermöglicht es sechs Musikjournalistinnen und -journalisten am Anfang ihrer Karriere ein von Ane Hebeisen (Der Bund) und Yann Zitouni (RTS) begleites Mentoringprogramm im Rahmen des Festivals «Bad Bonn Kilbi». Als Modell dürften diesem Projekt auch die Living Cases von kulturkritik.ch Pate gestanden haben, die nach zwei Pilotdurchführungen 2011 und 2012 im laufenden Jahr in einer stark ausgeweiteten Form angeboten werden – mit je einem Fokus auf einem Schweizer Musik-, Film-, Literatur- oder Theaterfestival.

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Roman Bucheli, Literaturkritiker der «Neuen Zürcher Zeitung», schreibt unter dem Titel «Ein Leben nach dem Papier» über den Stand seiner Profession – und sieht das Internet erfreulicherweise nicht als Bedrohung, sondern als Chance: «Das Digitale muss darum nicht der Totengräber der analogen Kritik sein, es könnte vielmehr Plattform werden für eine kritisch-analytische Kompetenz, wie es sie seit Lessing immer wieder gegeben hat.»

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Nicht Bucheli, sondern seine Kollegin Andrea Köhler schreibt in der «NZZ» – sehr differenziert und nicht nur negativ – über den neuen Roman von Dan Brown und widerlegt damit den «Telegraph»-Journalisten Michael Deacon, der den Bestseller-Autor («Illuminati», «The Da Vinci Code») gegen die erwarteten Verrisse seiner Kollegen in Schutz nimmt. «Wer kümmert sich darum, was die Kritiker sagen? Sie sind Snobs. Du hast eine Million Fans, von Barack Obama bis zu Britney Spears», lässt Deacon in einem fiktiven Dialog Browns Agenten sagen, und schliesst so: «Vielleicht würde er sich eines Tages, inspiriert von der wunderschönen Frau Brown, der romantischen Dichtung zuwenden.» Ob er damit die Kritiker für sich gewinnen könnte?

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Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift «The Paris Review» feiert dieses Jahr ihren 60. Geburtstag. Unter anderem führt sie unter den Rubriken «The Art of Fiction» und «The Art of Poetry» Werkstattgespräche mit Schriftstellern und Poeten. Dasselbe gibt es unter «The Art of Criticism»  mit Kritikern und Experten, wie Literaturwissenschaftler George Steiner. Das sehr ausführliche Gespräch vom Herbst 1994 wirft einen Blick auf sein Leben und seine Laufbahn, seine Lese- und Schreibgewohnheiten und die Krise des Intellektuellen («man of letters»): «Früher wollten die Leute von einem kultivierten Nicht-Spezialisten etwas über Literatur und Kunst hören. Heute sagen meine Kritiker, ich sei ein zu weit gestreckter Generalist in einem Zeitalter, in dem das nicht mehr gemacht wird, in dem nur das spezialisierte Wissen gefragt ist.»

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Ob Generalist oder Spezialist: Vielleicht ausschlaggebender als das Berufsbild ist seine jeweilige persönliche Interpretation durch den Kritiker. Besonders anschaulich wird dies anhand der Bildstrecke mit Arbeitsplätzen von Kreativen (zu denen Journalisten, wenigstens die besten, hoffentlich gezählt werden dürfen), von Mark Twain über Joan Miro bis zu Yves Saint Laurent.

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