Kulturpresseschau: Die Dramen des Kulturbetriebs

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Kulturpresseschau

Was läuft in der Kulturwelt? Worüber wird in den Feuilletons, Sendungen, Blogs und Portalen gesprochen und gestritten? In der regelmässigen Kulturpresseschau von kulturkritik.ch greifen wir aktuelle Themen und Diskussionen der Kulturpublizistik auf, führen sie zusammen, kommentieren und verlinken auf die interessantesten Texte dazu.

Der Autor

Lukas Meyer: Jahrgang 1983, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur und arbeitet als freier Journalist und Texter in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Dieser Beitrag wurde durch eine Patenschaft ermöglicht. Herzlichen Dank (siehe Unabhängigkeit).

Von Lukas Meyer, 25.6.2013

Das deutschsprachige Feuilleton beschäftige sich nur noch mit den Dramen des Kulturbetriebs, aber nicht mehr mit der Kunst an sich, moniert Alex Brüggemann im «Freitag». Als Beispiel dient ihm der Fall Suhrkamp und dessen endloses Hin und Her, das von den Kulturjournalisten gerne aufgenommen wird. Es stimmt ja: Nicht erst seit den jüngsten juristischen und betriebswirtschaftlichen Auseinandersetzungen um den Verlag liest man mehr über interne Querelen und Nachfolgestreitigkeiten als über die intellektuellen und künstlerischen Leistungen der Autoren. Für die sieht der Journalist nur eine Möglichkeit: «Um im Feuilleton anzukommen, setzen Kulturschaffende nicht mehr auf die Kraft der Worte, der Musik oder der Bilder – sie müssen sich selbst als Drama inszenieren.»

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Trotz einiger schlechter Erfahrungen mit Kritik hat Geiger Daniel Hope die Hoffnung noch nicht ganz verloren, dies gemäss seinen Aussagen in «Cicero». Er habe immer wieder von guten Kritiken profitiert, obwohl diese leider die Ausnahme geworden seien. Doch hat er auch Mitleid mit seinen Rezensenten: «Und mit dem Internet-Blogging scheint der Sofa-Kritiker endgültig etabliert zu sein. Jetzt muss sich der Rezensent sogar vor der ganzen Welt verteidigen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er selber im Netz beurteilt wird. Die Spielregeln ändern sich.»

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Mit dem Kunstkritiker setzt sich Fritz Billeter, ehemaliger Kulturredaktor des «Tages-Anzeigers», auseinander. In seinem – online leider nicht verfügbaren – Text in «Das Magazin» (Ausgabe 23/2013) meint er, der Kritiker sei zum Diener verkommen. Die meisten würden lieber neutral bleiben, was fatal sei: «Diese Vorsicht, kein Risiko eines Urteils auf sich zu nehmen, verdient nicht, als Kunstkritik bezeichnet zu werden.» Allerdings sieht er die Kunstkritiker momentan in einer schwierigen Lage: Unter dem Einfluss von postmodernem «everything goes» und den neuen Techniken des digitalen Zeitalters sei ein «neues künstlerisches Paradigma» – und damit die Möglichkeit zu einer griffigen Beurteilung – erst in Entstehung begriffen.

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Die Sprache des Kunstbetriebes macht es den darüber Berichtenden auch wirklich nicht einfach, wie die Kritik des «International Art English» (kurz «IAE») von Alix Rule und David Levine zeigt (auf deutsch in der letzten Ausgabe des «Merkur» erschienen, online nicht verfügbar). Sie konstatieren im «Revier der Kuratoren», wie eine Besprechung der Venediger Biennale überschrieben ist, eine immer noch von Lacan, Foucault & Co. geprägte Sprache, die eigentlich niemand so richtig versteht. Ob das nun ein nivellierender Duktus von Nicht-Muttersprachlern ist oder doch eher die Werbesprache des globalisierten Kunstmarktes, bleibt unklar, wie auch Peter Richter in der «Süddeutschen Zeitung» kommentiert. Das renommierte Kunstmagazin «Frieze» will etwas dagegen tun und sucht mit dem «Frieze Writer’s Prize» neue Talente im Bereich der Kunstkritik.

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Die technischen Grundlagen von Literatur und Kunst waren eines der Hauptthemen des vor zwei Jahren verstorbenen Friedrich Kittler – der Suhrkamp-Verlag bringt gerade eine neue Sammlung mit den wichtigsten Texten des Medientheoretikers heraus. Dazu passt dieser Text auf Netzwertig über WordPress – das auch Kulturkritik.ch antreibt – aus Anlass des 10. Geburtstages des Blog-Anbieters: «Die Bedeutung von WordPress für die Medienlandschaft ist nicht zu unterschätzen. Das System hat vielen einzelnen Bloggern oder ganzen Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren die Möglichkeit gegeben, dynamischen Content so einfach wie nie zu veröffentlichen und ihn zu monetarisieren. Auch inhaltlich haben WordPress-Blogs auf den Jounalismus eingewirkt.»

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Haben Sie diesen Text zu Ende gelesen? Damit gehören Sie  zu einer Minderheit, denn ziemlich viele Online-Texte werden erwiesenermassen nicht bis zum Schluss gelesen. Warum das so ist, und warum es sich meistens lohnt durchzuhalten, erklärt Farhad Manjoo auf Slate.com.

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