Julia dreht am Fokus

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Julia (nach August Strindbergs «Fräulein Julie») – Christiane Jatahy
Wo: Theater Spektakel, Nord
Wann: 20.08.2013 bis 22.08.2013
Bereich: Theater Spektakel 2013

Theater Spektakel

Kulturkritik ist Partner des Theater Spektakels 2013. Wir begleiteten das Festival und berichteten live.

Der Autor

Robert Salzer: Jahrgang 1983. Seit 2007 Theater- und Filmkritiken für «students.ch». 2009-2011 Ressortleiter Kultur. Weitere Artikel publizierte er bei «nachtkritik.de», «ensuite», «Akademikerzeitung» und «Stattluft».

Die Kritik

Lektorat: Carmen Beyer.

Von Robert Salzer, 27.8.2013

Amateur-Videoaufnahmen zeigen ein junges Mädchen in der Natur, das fröhlich mit dem Ball spielt. Es scheint eine unbeschwerte Kindheit zu haben. Kurz wird die Stimmung aber getrübt, als der Kameramann einem schwarzen Jungen befiehlt, aus dem Bild zu gehen. Eine Einstellung später sieht man das Mädchen beim Füttern der Fische. Es wirkt nachdenklich und sagt plötzlich in die Kamera, dass es nicht mehr gefilmt werden möchte. Der filmische Vorspann etabliert die Rollen des Abends: Auf der einen Seite die wohlbehütete Julia, auf der anderen Seite Jelson, der Sohn eines Bediensteten.

Julia und Jelson heissen im Originaltext von August Strindberg Fräulein Julie und Jean. Das 1888 geschriebene Kammerstück «Fräulein Julie» verhandelt Liebe, Machtpositionen und Klassenunterschiede. Regisseurin Christiane Jatahy lässt das Stück statt in Schweden im heutigen Brasilien spielen, in welchem die Unterschiede zwischen Arm und Reich auch nach dem Ende der Kolonialzeit nach wie vor bestehen. Wie bei Strindberg verführt Julia Jelson während eines Festes der Belegschaft. Und wie bei Strindberg geschieht, was nicht geschehen darf.

Raffinierte Multimedialität

Christiane Jatahy zieht alle Register der medialen Vermischung von Film und Theater. Zwei Leinwände dienen sowohl als Projektionsfläche wie auch als Vorhang, der Einblicke gibt in die Drehorte des Stücks. Live-Videoaufnahmen und vorproduzierte Filme vermischen sich mit dem Schauspiel der zwei Hauptcharaktere. Das Fest der Belegschaft erleben wir auf der Leinwand, während eine Hecke live im Bühnenraum als Kulisse steht und es so ermöglicht, dass die Schauspieler mit dem Film interagieren können. Ganz neue Eindrücke schafft die Live-Kamera, die einerseits immer wieder Gegenperspektiven ermöglicht, es aber auch schafft, Emotionen zu verstärken. Die Sexszene beispielsweise findet hinter der Leinwand statt, per Kamera ist der Zuschauer dennoch live dabei. Das schafft immer wieder voyeuristische Momente und lässt auch über die Stärken der unterschiedlichen Medien nachdenken. Die Kamera kann, wozu das wandernde Auge des Theaterzuschauers selten in der Lage ist: Sie fokussiert und blendet aus. Nähe und Zärtlichkeit wirken durch das Auge der Kamera viel stärker.

Macht der Moral, Macht des Standes und Macht der Kamera

Was im Spiel begann, entwickelt sich zwischen Julia und Jelson zu einer todernsten Angelegenheit. Sie befinden sich in einer verzwickten Lage. Was wird passieren, wenn Julias Vater von der Affäre erfährt? Während sie ihre Flucht vorbereiten, wechseln die Gefühle der beiden zueinander von Liebe zu Hass hin und her. Die beiden kämpfen um die Oberhand. Mal ist es Julia wegen ihres Standes, dann wieder Jelson, der Julia moralisch und aufgrund seiner Männlichkeit überlegen scheint. Als weitere Instanz auf der Bühne ist der Kameramann präsent, der immer wieder Anweisungen gibt: „Schnitt“, „Action“. Die Kamera nimmt die Rolle des abwesenden aber omnipräsenten Vaters ein. Im Original von Strindberg wird er durch seine auf der Bühne liegenden Handschuhe und Stiefel repräsentiert.

Die vierte Wand fällt

Christiane Jatahy scheint ihren eigenen Mitteln dann doch nicht zu vertrauen. Sie inszeniert einen Bruch mit der bisherigen Ästhetik. Als Jelson den Wellensittich von Julia tötet, um bei ihrer Reise wenig Ballast dabei zu haben, fällt die Schauspielerin, die Julia verkörpert, aus der Rolle. «Did you see this?» ruft sie ins Publikum. Dann verlässt sie den Spielort und nimmt ein Bad im Zürichsee. Die Kamera folgt und der Darsteller von Jelson kann sie schliesslich zum weiterspielen bewegen. Patschnass macht sie als Julia weiter, fällt aber bis zum Ende noch einige Male aus der Rolle. Jatahy inszeniert so nicht nur den Konflikt von Julia und Jelson, die gefangen in ihren Gesellschaftsrollen sind, sondern auch jene der Schauspielerin, die etwas spielt, was sie vielleicht gar nicht will. Das ist eine schöne Idee, wird jedoch auf eine solch plumpe Art gemacht, dass sie nicht wirkt. Tiefpunkt ist der Moment, in welchem Julia ins Publikum schaut und auf englisch verkündet, dass die Darbietung vorbei sei. Das Publikum beginnt zu klatschen, doch einen Moment später wird das Stück dann doch fortgesetzt.

Im Vorwort zu Fräulein Julie schreibt August Strindberg, dass er den Menschen der Zukunft als «so aufgeklärt» erwarte, dass er die «unzuverlässigen Gedankenmaschinen, welche Gefühle genannt werden» abgelegt haben werde. Diese trübten die Urteilskraft. Jatahy scheint das Ende des Abends für ein solches zukünftiges Publikum zu inszenieren. Die Bilder und die Emotionalität, welche sie in der knappen Stunde davor mit Film und Schauspiel erzeugt hat, lassen aber nicht kalt.

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