Im wundervollen All hört keiner dein Geschwafel

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Gravity
Wo: Zurich Film Festival, Corso 1
Wann: 02.10.2013
Bereiche: Film+Fotografie, Zurich Film Festival 2013

Zurich Film Festival

Kulturkritik ist am Zurich Film Festival 2013. Wir begleiteten das Festival und berichteten live.

Der Autor

Dave Schneider: Nach Aufenthalten in Deutschland, den USA und Genf lebt und arbeitet Dave Schneider seit 2005 in Zürich. Sein Studium in Filmwissenschaft, Soziologie und Publizistik schloss er im Jahr 2013 ab und ist seitdem Filmredakteur und Schreiberling für verschiedene Schweizer Medien.

Die Kritik

Lektorat: Antonia Steger.

Von Dave Schneider, 30.9.2013

Der Weltraum: Unendliche Weiten, künstlerische Inspiration und faszinierende Katastrophen. Schon 1951 erschien die Kurzgeschichte «Kaleidoscope» von Ray Bradbury. Dort lasen wir, wie die Besatzung eines verunglückten Raumschiffs in ihren Raumanzügen macht- und ziellos durch das Weltall treibt. Die Crewmitglieder halten untereinander Funkkontakt, während jeder auf der eigenen Bahn endlos durch das Nichts gleitet. Den eigenen und unabwendbaren Tod stets vor Augen, bleibt ihnen nur die Unterhaltung mit den anderen Opfern. Vor mehr als 60 Jahren wurde damit alles Sagenswerte zu diesem Thema gesagt. Und in diesem Jahr erscheint der Hollywood-Streifen «Gravity», der uns noch einmal mit dieser poetischen Situation konfrontiert.

Bei Arbeiten am Weltraumteleskop Hubble werden drei Astronauten von einem Sturm aus Satellitenmüll überrascht. Ihr Shuttle ist zerstört und zwei Menschen werden ins All geschleudert. Man könnte meinen,  Hollywood hätte Ray Bradbury wiederentdeckt, doch was bitte, gibt es noch hinzu zu fügen? Wenig Inhalt und viel Form.

Die Sphären der Schwerelosigkeit und des Vakuums sind so faszinierend wie sie für uns Erdbewohner unverständlich sind. In einer Umgebung, die weder Oben noch Unten kennt, wo keine Reibung die Fahrt bremst und in der enorme Geschwindigkeiten aufeinander treffen, ist alles anders. Diese Einsicht beinahe physisch erleben zu können, ist der grosse Verdienst von «Gravity». Die menschliche Seite dieser weltlosen Welt aber verpufft angesichts des Technologiespektakels: In 3D und fast vollständig animiert drehen und fliegen wir mit den flotierenden Raumfahrern und den Bruchstücken ihrer Gefährte, bis wir selbst die Orientierung verlieren. Manchmal stört am Film gar das Filmische: Musik und Schnitte. Die stärksten Momente hat der Film, wenn er – bis auf Funksprüche – geräuschlos auskommt. Dann gelingt es auch, dank Plansequenz und hervorragender Kameraführung (Emmanuel Lubezki) die Wirkung der Schwere- und Luftlosigkeit zu erfühlen. Die visuelle Kraft der Bilder ist beeindruckend – wenn da bloss nicht diese Menschen wären…

Angesichts der Weite des Weltalls ist der Mensch so unbedeutend. Das hat Bradbury eindrucksvoll beschrieben und wir sehen es im Film. Doch wer in einem solchen Film Sandra Bullock zur Haupt- und George Clooney zur Nebenfigur macht, hat garantiert keine grossen psychologischen Ambitionen. Dem grauen Schönling nimmt man den lustigen Astronauten noch locker ab, wenn er singend und schwafelnd durch die Bilder schwebt. Bullock aber zielt auf tiefenpsychologische Charakterbildung und verpasst den Erfolg um Lichtjahre. Die Story ist zwar glücklicherweise auf ein Minimum reduziert, aber dennoch eine Enttäuschung. Die Technik, die die Menschen in diese lebensfeindliche Umgebung brachte, versagt mit katastrophalen Folgen. Dennoch ist sie es, gepaart mit unbedingtem Glauben an sich selbst, die hier Lösung aller unlösbaren Probleme bringen soll. Dieser zwanghafte Optimismus stösst übel auf.

Der unplausible, regelrecht dumme Plot ist visuell aber so genial umgesetzt, dass der hypnotische Bann und die grafische Wucht der Bilder die anderthalb Stunden zu einem echten Erlebnis machen; vorausgesetzt, die Leinwand ist gross und die 3D-Technik funktioniert. Filmtechnik und Weltraum lassen sich im Kino ausgezeichnet bewundern – das ist im engsten Sinn des Wortes grosses Kino. Wer sich hingegen für den Menschen im All interessiert, sollte lieber bei Ray Bradbury bleiben und den inhaltlichen Weltraummüll ungesehen verglühen lassen.

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