Film und Realität – die Entscheide der Jurys in Locarno

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Filmfestival Locarno
Wo: Locarno
Wann: 07.08.2013 bis 17.08.2013
Bereiche: Film+Fotografie, Locarno Film Festival 2013

Filmfestival Locarno

Kulturkritik ist am 66. Filmfestival Locarno. Wir begleiteten das Festival und berichteten live.

Der Autor

Andy Aguirre Eglin: Filmkritiker, Autor und Kulturjournalist.

Von Andy Aguirre Eglin, 23.8.2013

Was die Sphinx im antiken Theben, sind im August jeweils die Entscheide der Jurys in Locarno: ein Rätsel! – Welche Kriterien legt wer woher warum an die prämierten Filme? – Enträtseln wir die Wirklichkeit des Unwirklichen und das Irreale des Realen, dann landen wir im ganz normalen Wahnsinn.

Beispielsweise fahren wir in Manakamana (Regie: Stephanie Spray/Pacho Velez, USA, Nepal 2013), Gewinner des Goldenen Leoparden für Zeitgenössische Filmschaffende (Cineasti del Presente), mit einer Gondel auf einen Tempelberg in Nepal – in Realzeit! – Bei einer Filmlänge von 118 Minuten und einer Fahrzeit um 11 Minuten sind das wohl 11 Fahrten mit wechselnden Passagieren – stille, aber auch mehrsilbige Menschen, gar Ziegen. Manche verharren, fixiert auf ihre Gedanken. Ist es die Sorge um einen Angehörigen? Wofür frau Blumen hinauf zum Tempel bringt. Zunächst ist man genervt: Kino, da nichts geschieht, stiehlt doch nur Zeit, liefert keine Handlung, keine Geschichte. Das bewegte Bild als Errungenschaft des Films, gefriert wieder zur Porträtfotografie. Als sässe man wie die grossen Dokumentaristen August Sander oder Dorothea Lange vor dem «einfachen» Volk: Alt und Jung, laut und stumm. – Nicht in Deutschland oder USA der Dreissiger Jahre, sondern in Nepal heute. Doch tut sich immer noch nichts! – Zögerer haben in Locarno keine Chance: Bleib ich sitzen oder geh ich raus? – Das Erstaunliche, je länger man bleibt, umso mehr verraucht der Ärger über eine solche Zumutung: Man mutet sich selber etwas zu, erfindet Geschichten zu den Gesichtern. Das eigene Kopfkino beginnt zu surren, findet in jeder Gondel seinen Weg auf den Berg eigener Weisheit und Erleuchtung. Bleibt die Frage: Was hat die rätselhafte Jury honoriert? – Das Kino mit Selbstauslöser in 1000 Köpfen?

Solche Belastungsproben für die Hummeln zwischen dem cinéphilen Allerwer-testen und seriellen Plastikstühlen – von wegen Sitzleder! – sind aber nicht nur dreiste Appelle an die Kreativität der Zuschauer zur Entlastung einfallsloser Cineasten: Sie könnten mit dem Preisgeld ein Festival für Überwachungskameras gründen! Wobei nicht Menschen, die nichts tun, das Problem sind, sondern ein Filmautor, der nichts tut. – Ebenso ärgerlich sind Ergüsse, wenn ein Film einen weinerlich und sonor zutextet wie: E Agora? – Lembra–me (What Now – Remind Me, vgl. auch die ausführliche Kulturkritik) von Joaquim Pinto, Portugal 2013.

Menschliches Leid macht noch keinen Film, so erschütternd es auch ist: Seit 20 Jahren trägt der Regisseur und Gewinner des Spezialpreises des Internationalen Wettbewerbs nun schon das Aids- und Hepatitis-C-Virus in sich. In Form eines Tagebuchs monologisiert Joaquim Pinto über seinen Krankheitsverlauf und die Retroviren-Therapie, welche zwar sein nacktes Überleben sichert, aber schwere Nebenwirkungen nach sich zieht. Mal wähnt man sich in einem medizinischen Seminar, dann wieder in einer Geschichtsstunde, wobei er diese Pest der Neuzeit seit ihrem Ausbruch in den 80er Jahren rapportiert und mit anderen Epidemien vergleicht. Er erinnert an prominente Opfer, die aus dem öffentlichen Gedächtnis entschwunden sind. Nicht nur als Künstler und Koryphäen des Geisteslebens, sondern auch als Märtyrer ihrer Risikogruppe. Soweit so traurig. Doch scheitert alles Bemühen um inhaltlichen Sprengstoff an der hermetischen Introversion. Es bedürfte eines neutralen Erzählers, zur dynamischen Dramaturgie noch einer Aussenwahrnehmung, um das nur Selbsttherapeutische auch in eine Mitteilung zu verwandeln, zum geringen Anflug von Filmkunst. So bleiben mir kaum mehr als Pintos Glücksmomente haften, seine Hingabe ans unbeschwerte Hundeleben.

Wenn doch der Hund des Menschen bester Freund in soviel Leid ist, sieht man ungern auch den treuen Ochsen zerteilt, zersägt, gehäutet, aufgehängt am Spiess: So mag Historia de la meva mort (Story of my Death) von Albert Serra, E/F 2013) in den wilden Karpaten stattfinden, unter sinnlich rauschenden Bäumen und lockenden Röcken – mit einem reichlich weit hergeholten, durch den Morast gekarrten Giacomo Casanova (1725–98) auf Besuch beim Grafen Dracula (1431–77), gefilmt in nicht mehr so neuer Entdeckung der Langsamkeit, wobei die Zeit auch im historischen Verlauf misshandelt wird. Das eignet sich alles ganz und gar nicht zum Cinéma Vérité. Da mögen noch einige wenige philosophische Sätze die spärliche Konversation aufplustern, Vampire süsses Jungmädchenblut aus zarten Nacken saugen – nein: Dieses Altherrengrinsen reisst den falschen Pathos nicht aus den Binsen, verrätselt nur noch mehr: Wofür gibt in Locarno auch die Grand Jury den Goldensten aller Leoparden und satte 90’000 Franken her?

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Das Festival ist auch ein Schloss

Auf den Spuren all dieser Rätsel muss man sich den Betrieb eines Festivals wie Kafkas «Schloss» vorstellen als – Top Event of Switzerland – am Langen See. Und wie der Landvermesser «K» vermisst man weniger das Land, als das unsichtbare Geflecht der Beziehungen schon am Fusse des Hügels, unter dem Hilfspersonal dieser Tessiner Provinzstadt, geschweige denn im Schweigen ihrer Mauern und Türme. Dabei verhalten sich die Festivals untereinander wie Eliteuniversitäten, die sich gegenseitig das Personal abwerben oder zur nächsten Burg weiterziehen. Manchmal geht das über Nacht, wie im Vorjahr der Abgang des künstlerischen Leiters Olivier Pere zu ARTE France. Ging’s um die Karriere, war es Überdruss? Oder Claudia Laffranchi – das beliebteste Gesicht des Festivals, auch von RSI (Radiotelevisione Svizzera). Die langjährige Starmoderatorin musste kurzfristig ersetzt werden, weil sie im fernen LA Freitod geging. Das alles im selben Jahr. Was ist hinter den Festivalkulissen wahr? Hinter seinen Floskeln einer höfischen Gesellschaft. Falsch, sagt einer, der es wissen muss: Die Macht teilen sich einige Clans wie in Schottland im 16. Jahrhundert. Lokale Verwalter, fremde Gestalter. Man schiebt sich Subventionen zu, organisiert Empfänge für Sponsoren immer neuer Trostpreise. Um bei der undurchsichtigen Vergabe der Hauptpreise nicht andere zu vergällen. Denn jeder weiss, Eitelkeit macht heiss. Natürlich sind das nur Vermutungen im Dunstkreis der Ohnmacht, denn wie soll man da Wahrheit erfahren. – Nur manchmal blitzt diese auf zwischen den Zeilen, sozusagen im Ungesagten oder verzweifelt Gewagten wie Risse im Bollwerk. Landvermesser «K» versucht auch die Mimik der Offiziellen zu deuten, den eindringlichen Blick des einsamen Festivalpräsidenten M. S. während seiner kulturbeschwörenden Rede zum smarten Kulturvorsteher A. B. aus der Bundeshauptstadt, der noch mehr Geld sprechen soll. Auch die 5-fache Erwähnung des «Tessins» in einem einzigen Satz spricht Bände. Doch mehr Geld wofür? – Noch mehr Trostpreise? Zur weiteren Aufblähung des Apparats, für die Alimentierung meist Kunstferner? – Was ist von der Empörung zu halten von des Autors von «Tableau Noir» (CH 2013, vgl. auch die ausführliche Kulturkritik) – des besten Films des diesjährigen Hauptwettbewerbs, der sich auf dem Podest entgegen der Abendregie aus der Opfergrube seines Herzens offenbarte: Dass man ihm zuerst zu einem Hauptpreis gratulierte, was sich als Irrtum erwies. Ein dilettantisches Missgeschick oder eine Intrige? – Da könne er auch gleich auf den «Wisch» einer lobenden Erwähnung (Special Mention) verzichten! – «K» sah, wie die Offiziellen ihr Lächeln wie Hansaplast auf den Mund des so Enttäuschten klebten, damit seine Wunde nicht unter allen Augen weiter blutete. Doch Pflaster statt Zaster helfen nicht, befördern keinen Film in die Säle, tilgen keine Schulden!

Das Haus des Films

Nun soll auch noch ein bleibendes Monument entstehen, geweiht nicht nur dem flüchtigen Moment, der Illusion von Glanz und Gloria, dem Rampenlicht zweier Augustwochen, die man hier rund um den Kalender vorbereitet in Hinterstuben: Es soll endlich ein richtige «Casa del Cinema» ihre Pforten öffnen zu Bürozeiten und übers ganze Jahr – wenn in der sonnenreichsten Provinz der Schweiz wieder Notare und Anwälte, Steuerflüchtige und Immobilienspekulanten ihrem stillen Gewerbe beim Cappuccino im Morgenlicht und Risotto ai Funghi am Mittagstisch nachgehen. Ein solches Zentrum ist eine grossartige Idee: Es soll nach 70 Jahren Existenz des Festivals für die 7. Muse ein Museum entstehen, ein Archiv und Ort für cinéastische Veranstaltungen, für Retrospektiven und Themenwochen. Es soll als Forschungsplatz dienen, als Ergänzung zur Cinémathèque Suisse in Lausanne. Damit fände die unrühmliche Vertreibung des Filmfestivals aus dem legendären «Grand Hotel» von Locarno, der Verlust seiner Geschichte und Patinà mitsamt den Düften aus dem Park voller Feen und Kobolde – als Aufgang und Balustrade für Glücksritter des Glamours, worin auch ein betörender Rosmarinstrauch das Palaver von uns Möchtegerns erdete – sein neuzeitliches Happy End.

Vorstellbar ist auch eine Fakultät für Filmwissenschaft der Università della Svizzera Italiana, so wie auch Dimitris Clownschule in Verscio heute einen akademischen Status und öffentliche Unterstützung geniesst. Das geplante Haus des Films präsentiert sich als Wundertüte vieler Träume und ist zugleich die politische Nagelprobe, ob es gelingt, Film und Kultur generell als existenziellen Mehrwert, nicht nur als Marketingveranstaltung fürs lokale Tourismusgewerbe in der Bevölkerung zu etablieren. Deren Mehrheit geht nie ins Kino, auch nicht während des Filmfestivals. Die berühmte abendliche Piazza, wo die Granden der Stadt und Region jeweils patriotische Appelle zelebrieren, ist in Wahrheit eine Exklave der übrigen Schweiz und Deutschlands – von Mailand über Zürich bis Berlin. Das Festival blieb bei den Lokalen bis ein Fremdkörper. Deshalb ging das 58 Jahre lang vom Festival für cinéphile Diskussionen und Romanzen (beim Rosmarinstrauch!) genutzte «Grand Hotel» – heute eine Spekulationsruine – an den Krämergeist jener Familie verloren, die bis 1999 einen Bundesrat stellte, obwohl ihnen schon halb Locarno gehört! – Nicht zu vergleichen mit Basel, wo 1967 eine ganze Stadt für den Erhalt ihrer Picasso Bilder kämpfte! – Vielleicht liegen die Gründe auch ganz anders, vielleicht sind Film und Kultur im Sinne Freuds nur ein Ersatz für fehlende unmittelbare Lebensqualität, die hier aus einer Gunst der Natur üppig vorhanden ist. Eine These, welche das Theater-festival in Avignon sogleich widerlegte, das 1946 gegründet, ein Jahr älter ist. Jedenfalls zeigen sich beim Vorhaben dieses neuen Festivalzentrums für den Film bereits wieder die Mechanismen lokaler Strategien. Von den Projekten der internationalen Ausschreibung wurde von der Jury (!) eines der fantasielosesten ausgewählt, um abzusichern, dass auch ein neues Schloss im Dorf bleibt. Es geht hier kaum je um Visionen, sondern um die Verteilung auch künftiger Pfründe.

Auch die Bewerbung einer qualifizierten Kandidatin beim Projektleiter, Anwalt in der Partei, der auch die Stadtpräsidentin angehört, blieb ohne Antwort. Erst ein Brief an den Präsidenten des Festivals, im «Schloss» ist das nur über den Flur, veranlasste diesen Mann mit Herz, bei der Stadtpräsidentin nachzuhaken, was endlich die floskelhafte Absage erbrachte einer filmfernen Parteisoldatin. Denn die Kandidatin war keine aus den eigenen Reihen. Diese öffnet man nur, wenn es nicht mehr anders geht, um noch höhere Fürsten milde zu stimmen. Franz Kafka: «Der direkte Verkehr mit den Behörden war nicht allzu schwer, denn die Behörden hatten, so gut sie auch organisiert sein mochten, immer nur im Namen entlegener, unsichtbarer Herren entlegene, unsichtbare Dinge zu verteidigen, während K. für etwas lebendigst Nahes kämpfte.» (Das Schloss)

Schuld und Unschuld

Wo Macht ist, findet sich immer auch Schuld. Und in der Ohnmacht lebt noch die Unschuld. Dazwischen vollzieht sich jeder Alltag als Mischung von beidem. Was machen aber jene, die mit ihrer Schuld leben müssen? – Einige leben damit recht gut, wie das Beispiel zeigt des ehemaligen Investment-Starbankers Rainer Voss in Master of the Universe (Regie: Marc Bauder, D 2013). Als Kronzeuge des Kasinokapitalismus in der ersten Dekade unseres Jahrhunderts plaudert er sich sichtlich selbstgefällig durch eine leerstehende Grossbank in Frankfurt am Main.

Trotz oder gerade wegen dieser launigen Nonchalance hat seine Beschreibung der Zustände in diesem Kasino unglaubliche Wucht. Sie schallt wieder von den kalten Wänden des verlassenen Glasturms an Europas ‚Wallstreet’ wie ein Echo all jener, die hier einst wirkten und die Weltwirtschaft beinahe in den Abgrund stürzten. Voss’ Insiderwissen füllt diese verlassene Kathedrale zur Feier des Geldes wieder mit dem Leben der Trader und ihrer Verachtung fürs Leben. Das Erschrecken über soviel Leichtsinn ist gross und vergrössert sich immer mehr durch den hervorragenden Einfall des Regisseurs, die Ästhetik der Leere dieser entmachteten Hallen als Resultat und Spiegel der Sinnleere aller spekulativen Geschäfte wirken zu lassen. Aus berufenem Mund erhalten wir einen Abriss der Geschichte der Finanzmärkte, die sich mit der Ultraliberalisierung unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher in den 80er Jahren loslösten von der Realwirt-schaft. Entfesselt von jeder Kontrolle erfanden die Investment Banken Derivate, Terminwetten und Strukturierte Produkte, von denen sie selber kaum wussten, was sich in deren Struktur verbarg. Oder sie wussten es, und wetteten in einem weiteren Produkt, dass es sich beim ersten um Trash handelt. Das ist, wie wenn Fleischhändler wissentlich verdorbene Ware auf den Markt bringen, wo es keine Kontrolleure mehr gibt, und gleichzeitig darauf wetten, dass die angepriesene Ware verdorben ist. Ein gigantisches Betrugssystem! Der frühere Finanz- und Rechtsspezialist der ABM AMRO sinniert erstaunlich offenherzig über die Mit-verantwortung des Einzelnen am scheinbar Unpersönlichen – an der Weltfinanz-krise mit Folgen für fast alle – und entzieht sich doch zum Schluss jeder Haftung, als er in seinem Edelschlitten mit fleckenlos weisser Weste aus der Garage fährt: Wir wissen nun, er brachte sein Vermögen rechtzeitig ins Trockene. Da fährt ein ganz Schlauer weg. Denn ein Kronzeuge entgeht nicht nur teilweise oder ganz der Strafe, er rettet auch sein Gewissen. Zu Gericht sitzt die Öffentlichkeit über das Medium Film und erteilt für die Wahrheit aus erster Hand ihre Absolution. – Marc Bauders atemberaubender Dokumentarfilm über eine abstrakte Materie mit realen Folgen als Beispiel für modernen Ablasshandel mit einem brillanten Hauptdarsteller erhielt in Locarno zu Recht den Kritikerpreis von 8000 Franken.

Das Paradies

Macht ist der Unschuld Feind. Mächtige hassen Unschuldige, weil diese sie an ihren Verlust erinnern – ans verlorene Paradies, das man künstlich, auch mit allen Mitteln der Macht nicht wieder herstellen kann. Die Konflikte sind da am traurigsten, wo Macht unmittelbar auf Ohnmacht, Schuld auf Unschuld trifft.

Wie etwa in einer kleinen Land- und Gesamtschule in «La Montagne» auf 1100m Meereshöhe im Neuenburger Jura, die 2007 ihre Tore schliessen musste wegen eines Verwaltungsentscheids. Der Sparhammer hämmerte diesen realutopischen Spiel- und Lernraum für ein Dutzend Kinder für immer zu. Wo keine Schule ist, ziehen auch die Eltern fort, endet die Zukunft einer ganzen Landschaft im Neuenburger Jura.

Machen wir sie noch einmal auf für den Film Tableau Noir (Schweiz, 2013, vgl. auch die ausführliche Kulturkritik) des Waadtländers Yves Yersin, der während 13 Monaten fast täglich insgesamt 1200 Stunden Filmmaterial drehte und bis zum bitteren Ende fortführte. Bitter war auch der Verkauf seines Hauses, damit dieser wunderbare Film überhaupt fertiggestellt werden konnte. Im Mittelpunkt steht die Aufmerksamkeit und Zu-wendung eines Lehrers für seine Schulkinder, was weit darüber hinausgeht, was Bildungsmanager heute als Wissensvermittlung versachlichen. Wir sehen aber nicht nur Gilbert Hirschi als rührigen Pädagogen, der mit seiner Engelsgeduld den kleinen «Monstren», wie Amerikaner ihre Kinder bezeichnen, Zivilisations-techniken beibringt als Rüstzeug auf dem Weg in ihr späteres Berufsleben. Das sehen wir alles auch, aber noch viel mehr erleben wir den schöpferischen Humor und inneren Reichtum, den Kinder den Erwachsenen aus sich heraus noch frei mitteilen. Dass sich die Frage stellt, wer profitiert in diesem Austausch mehr? – Hautnah folgt der Film ihrem staunenden Lernen und Spiel, der Schlägerei zweier Mädchen auf der Kippe zur rohen Gewalt, ohne dass der Lehrer oder die Filmleute eingriffen. Hirschi kennt wohl auch Summerhill School von A. S. Neill.

Es bedurfte nur dreier Tage, bis die Kinder die stetige Beobachtung durch die zwei Kameras vergassen. Auf einen Tonmeister wurde verzichtet, stattdessen jedes Kind mit einem Kopfmikrophon versehen. Das machte ihre Gespräche und Emotionen in der Gruppe noch authentischer, ja spannungsreich wie ein Krimi. Als Dokument des Widerstands der Unschuld gegen die aufkommende soziale Kälte und Entsolidarisierung in der Gesellschaft, auch gegen einen Staat, der seine Leistungen zur Förderung der Jugend abbauen muss, weil ihm selbst die Mittel entzogen werden – durch just jene Leute, welche an der Börse immer reicher werden und politisch durchsetzen, noch weniger Steuern zu bezahlen.

So zeigt der Film kein Happy End, stattdessen fliessen Tränen. Bei Gross und Klein, Frau und Mann, beim Lehrer, beim Bauer und beim Zuschauer. «Sozial-kitsch» nannte dies ein kritischer Kollege. In nervte die Natürlichkeit, die sich gross in Szene setzt aus kleinem Kinderwitz. Es gibt viele Filme über die Schule. Aber keinen, der so dicht vom Verlust unserer eigenen Kindheit handelt. Im Schlamm am Klöntalersee erfinden die Kinder von La Montagne noch einmal die Welt: Das Bachbett wird zur Urlandschaft, auch wir selber zu Dinosauriern, die sich gegen Tyrannus Rex behaupten. Was im Leben traurig zu Ende geht, bleibt auf der Leinwand wunderbar erhalten – die Unschuld.

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Schmutzige Hände

Hände handeln. Sie sind wie Visitenkarten. Deshalb hätte Sangue (Italien 2013) von Pippo Delbono in Locarno nicht zur Visite geladen werden sollen. Die Einladung zur Teilnahme im diesjährigen internationalen Wettbewerb ist kein Ruhmesblatt für die (politische) Sensibilität des neuen Direktors Carlo Chatrian. Als Italiener hätte er um die Befindlichkeiten in seiner Heimat wissen müssen.

Der Tod und wir Zuschauer

Es sind nicht die schmutzigen Fingernägel des Regisseurs. Gänzlich unzumutbar ist dessen Übergriff auf das Sterben der eigenen Mutter, die sich noch im letzten Hauch ihres Lebens zu wehren versucht gegen die Kamera des Sohns, der sie beim Hinschied filmt: «Spegnila!» – Er tut es nicht. Bei solcher Missachtung des letzten Willens stellt sich auch grundsätzlich die Frage nach der Öffentlichkeit beim noch Leben und schon Tod. Die Antwort darf nur als Respekt ausfallen vor dem was ist oder soeben noch war – vor dem Geheimnis dazwischen. Das auch keine Religion zu erklären kann. So ist man als Zuschauer dieses ewigen Rätsels gleichzeitig fasziniert und fühlt sich doch ebenso als Voyeur des Intimsten eines Menschen, von dessen letztem Augenblick – ohne jede Legitimation durch einen persönlichen Bezug. Der Übergriff des Regisseurs wird zwangsläufig auch zum Übergriff des Zuschauers. Man kann sich das auch nicht von der Seele schreiben.

Schon immer versuchte die Menschheit, das Rätsel des Todes zu enträtseln, dem Geheimnis habhaft zu werden, was nicht zu haben ist, weil im Sein oder vielmehr Nichtsein begründet. Das Leben im Moment seines Entschwindens festzuhalten. Dafür wurde von prominenten Verstorbenen oder vermögenden Nachkommen jeweils eine Totenmaske erstellt. Inzwischen hält die Fotografie das erloschene Anlitz des Menschen erschwinglicher fest wie beispielsweise Rudolf Schäfers erschütternde Dokumentation aus der Berliner Charité vom «Ewigen Schlaf – Visages de morts.» (Verlag Kellner, Hamburg 1983). Doch Pippo Delbono geht es kaum um Transparenz und Transzendenz, als um die filmische Vermarktung seines saloppen Bruchs eines der letzten Tabus – des menschlichen Sterbens.

Ein Terrorist ohne Reue

Der kalte Blick auf das Erkaltende – dafür fliesst wohl der Filmtitel «Sangue» – findet sich wieder in der Miene des ehemaligen Anführers der italienischen Rotbrigadisten, der seinen kaltblütigen (!) Mord eines Unbeteiligten skandalös unbeteiligt beschreibt: Giovanni Senzani war wohl auch schon ein Mitwisser der Entführung Aldo Moro’s am 16. März 1978. Der frühere Ministerpräsident galt als Hoffnungsträger eines «Historischen Kompromisses» in Italien zwischen den Eurokommunisten Enrico Berlinguer’s und den Christdemokraten. Das hätte wohl auch den Kalten Krieg zwischen Ost und West einiges früher beendet. Stattdessen wurde Moro ermordet. Bis heute sind die Verbindungen zwischen den Terroristen, den parallelstaatlichen Geheimdiensten und der Mafia noch nicht aufgeklärt. Senzani kam selbst aus dem Dunstkreis des Staatsschutzes, bevor er den Staat frontal angriff. Seine ideologische Verblendung zur Unkultur des Hasses zeigt Ähnlichkeit mit dem Abweg Ulrike Meinhoffs in die deutsche RAF und den Untergrund nur sinnloser Gewalt. Zunächst studierte der spätere Rotbrigadist Recht in Bologna und Berkeley, danach lehrte er ausgerechnet Kriminologie in Florenz und Siena, bis er 1978 abtauchte und seine Blutspur des ideologisch verklärten Verbrechens hinterliess. Im Juni 1982 wurde er gefasst und zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. Weder bei seiner Entlassung 1999, noch in einem Interview 2010 zeigte er wirkliche Reue: «Ich habe nur meine Politik geändert, nicht meine Ideen.» – Wie sollen sich Ideen von Taten unterscheiden: Ist das eine nicht der Kopf, die Taten Glieder? In «Blut» beschreibt er nüchtern wie ein Buchhalter, Hannah Arendt nannte das «die Banalität des Bösen», wie er Roberto, den Bruder von Patrizio Peci, eines ‚Pentito’ (Überläufers), hinrichtete zur Abschreckung für geständniswillige inhaftierte Rotbrigadisten. Wie sie den Entführten in einem Gehöft auf den Stuhl fesselten und er selbst von hinten die Pistole zum tödlichen Schuss abdrückte. Solche Unmenschlichkeit unterscheidet sich kaum von der Mafia, welche etwa 14 Verwandte des reumütigen Tommaso Buscetta umbrachte, dessen Sohn in Salzsäure auflöste. Es gibt für solche Taten keine Rechtfertigung, keine «politische», noch fiktiv bürgerkriegsrechtliche, auch nicht gegen einen korrupten Staat wie Italien während der «Bleiernen Jahre» mit der Geheimloge P2 und dem langen Arm der Faschisten zu Bombenanschlägen mit Dutzenden von Toten. – Die Frage bleibt ohne Antwort: Bringt Giovanni Senzani die Schmauchspuren seines Mordes je wieder von seinen Händen?

Virtuelle und reale Gewalt

Was wären die Voraussetzungen für eine Versöhnung mit der Gesellschaft, sind es nur die Jahre hinter Gittern? – Was geht in den Augen, in den Gedanken eines in die Irre leitenden Intellektuellen vor? Welche Beweise für Gesinnungswandel müssten erbracht werden, damit ihm Angehörige der Opfer verzeihen können? Der in Locarno völlig deplazierte Film «Sangue» leistet der Sache jedenfalls einen Bärendienst, weder Reflexion noch Abbitte, sondern verharmlost einen Täter zu einem beinahe sanften Alten im Kreise seiner Familie am Strand. Das über die Vorgeschichte informierte italienische Publikum quittierte den Film mit Pfiffen.

Damit provozierte auch schon die Auswahljury des Hauptwettbewerbs einen Skandal. Denn weder gehört ein solcher Film, noch dessen rüde Macher und Darsteller ins Rampenlicht eines der Kunst des Kinos – somit auch der Utopie einer besseren Welt – verpflichteten Festivals, wenn in der Öffentlichkeit nicht gleichzeitig eine fundierte Debatte stattfindet, wenn sich Protagonisten nicht unmissverständlich von ihrer verbrecherischen Biografie distanzieren.

Was Hollywoods «schwarze Prinzen» wie etwa Quentin Tarantino als virtuelle Gewaltorgien inszenieren, um damit fragwürdige Bedürfnisse zu bedienen, als Ventilfunktion einer letztlich repressiven, antisolidarischen Gesellschaft, wird in «Sangue» von der Realität überholt: Aus der Gaudi an einer mordstechnischen Suspense wird schussartig reale Geschichte, das Leid der Welt.

Festivalpräsident Marco Solari rettete die Ehre des Internationalen Filmfestivals von Locarno und setzte gegen die Irrtümer selbstbefangener Jurys ein richtiges Zeichen, als er beim Empfang Giovanni Senzani den Handschlag verweigerte: Die Hygiene der Hände ist auch eine des Geistes.

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