Gasflaschen, Rollstuhl und Nervenkitzel

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Extrêmités – Cirque Inextremiste
Wo: Theater Spektakel, Landiwiese Seebühne
Wann: 27.08.2013 bis 29.08.2013
Bereich: Theater Spektakel 2013

Theater Spektakel

Kulturkritik ist Partner des Theater Spektakels 2013. Wir begleiteten das Festival und berichteten live.

Die Autorin

Tabea Buri: Ethnologin, Jahrgang 1987

Die Kritik

Lektorat: Carmen Beyer.

Von Tabea Buri, 2.9.2013

Das Fotografieren mit Blitz ist nicht empfohlen – weil die Bilder einfach schlecht werden. Wenn jedoch geblitzt wird, nur um die Artisten in ihrer Konzentration zu stören und die ohnehin gefährlichen Aktionen noch riskanter zu machen, dann ist das willkommen! – Sinngemäss führt eine Off-Stimme das nervöse Publikum in die Regeln des Abends «Extrêmités» ein. Nervös ist es deshalb, weil die Bühne voller knall oranger Gasflaschen steht: Gefährlich scheinen nur schon die Requisiten!

Diese erste Anspannung bricht während der stündigen Aufführung nie ab, denn die drei Jungs des Cirque Inextremiste schonen keine Nerven des Publikums. Sie springen, rollen und klettern über lange Holzbretter, die ohne Sicherung auf übereinandergestellten Gasflaschen liegen, und deren Schwerpunkt meist irgendwo in der Luft schwebt. Es entstehen mobile Konstruktionen, die nur durch das Gewicht der drei Männerkörper im Gleichgewicht bleiben können. Stets darum bemüht, die physikalischen Gesetze der Schwerkraft aufs Äusserste herauszufordern, balancieren sie in waghalsigen Aktionen über diese Mobiles, schlagen Saltos auf den Wippen und verlagern dabei die schweren Gasflaschen von dieser zur anderen Seite – dabei schleudert schon mal eines der orangenen Objekte ins Publikum! Auch wenn diese eine Flasche nur aus Schaumstoff ist: Der Schock sitzt tief.

Solidarität und Schalk

Wie wenn das alles nicht schon atemberaubend genug wäre, wird dem Publikum die tatsächliche Gefahr der Artistik dauern vor Augen geführt: Rémi Lecocq, einer der drei französischen Künstler, ist seit einem Sturz vor acht Jahren querschnittgelähmt. Der Zirkus blieb aber seine grösste Leidenschaft und so entschloss sich Lecocq, auch mit eingeschränktem Können der Artistik treu zu bleiben. Durch die dauernde Präsenz seines Rollstuhls und seiner beiden leblosen Beine ist das Risiko auf der Bühne omnipräsent und die Akrobatik wirkt umso verrückter: Die drei wissen, was sie aufs Spiel setzen.

Vor allem aber wissen sie, auf wen sie vertrauen können. Denn neben den waghalsigen Sprüngen, dem gekonnten Austarieren und den fragilen Konstruktionen erzählen die drei ohne Worte aber mit viel schwarzem Humor von den Tücken des Teamworks. Die Charaktere ihres Schauspiels sind fein gezeichnet: Der charmante Schönling ist angewiesen auf den schüchternen Tollpatsch, der wiederum den schlauen Scheinheiligen neckt. Die Behinderung des einen wird dabei schamlos ausgenützt, so dass es beim Zuschauen peinlich berührt. Dennoch ist der unverkrampfte Umgang sehr erfrischend: Anstatt sich im (Selbst-)Mitleid zu suhlen, nehmen sich die drei Artisten alle ernst;  geschont wird niemand, fies sind alle drei.

Gleichzeitig ist das Trio in seinen Balanceakten aber auf einander angewiesen: Ein Niessen des einen kann den Sturz des anderen provozieren; das Stolpern des Dritten riskiert den Fall der beiden anderen. Mit augenzwinkernder Moral wird somit ganz nebenbei ein leises Gleichnis für das menschliche Zusammenleben im Allgemeinen gezeichnet: Ohne Solidarität würde alles zusammenkrachen. Aber ganz ohne Schalk und Risiko wäre es auch langweilig.

Ein letzter Schock

Es ist eine fesselnde Darbietung im Stil des Nouveau Cirque; ganz ohne Kitsch, dafür mit viel burschikosem Charme. Nach all dem Trubel zündet sich einer der drei mit clowneskem Lächeln genüsslich eine Zigarre an. Die Gasflaschen sind wieder nicht weit entfernt und schon bald explodiert die grösste von ihnen mit einem lauten Knall. Das Schauspiel endet mit diesem einen letzten Schock und ganz im Stil des durchgehenden Galgenhumors liegen die Artisten scheinbar tot auf dem Boden.

Es verwundert deshalb nicht, dass sich die drei Jungs nach dem Applaus mit einer Bemerkung an alle anwesenden Kinder richten. Mutteraugen beginnen zu glänzen ob dem Verantwortungsbewusstsein dieser wilden Kerle. Aber dann: „Kinder, wenn Ihr Gasflaschen zum Spielen entdeckt, vergesst nicht: Macht unbedingt ein Video von Euren verrücktesten Ideen und schickt sie uns!“ Die drei bleiben wild und lassen sich nicht stoppen. Gut so!

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