Es lebe der Diskurs(k)!

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs
Wo: Theater der Künste, Zeughaus 3
Wann: 21.03.2013 bis 23.03.2013
Bereich: Theater

Der Autor

Nicolas Bollinger: Jahrgang 1984. Schreibt für das Bieler Tagblatt. Studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Bern und derzeit Journalismus am MAZ Luzern und an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg.

Die Kritik

Lektorat: Nina Pulfer.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Hochschule der Künste (siehe Unabhängigkeit).

Von Nicolas Bollinger, 24.3.2013

«Jemand musste K verleumdet haben, denn ohne dass er etwas getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» Obwohl dieser K nicht derjenige Kafkas ist, so kafkaesk ist dennoch seine Situation. Er durchlebt diffuse Erfahrungen der Angst, Unsicherheit und Entfremdung, des Ausgeliefertseins an unbegreifliche Mächte, der Konfrontation mit Terror, Absurdität, Ausweg- oder Sinnlosigkeit, mit innerer Düsternis, Schuld und Verzweiflung. K ist Autor. K wurde verhaftet, weil er im Verdacht steht, den Babuschkiner Hauptbahnhof in die Luft gesprengt zu haben eine Tat, die in Wirklichkeit durch Bela Lugosi und Boris Karloff begangen wurde. In Wirklichkeit? Das steht nicht ausser Zweifel, denn K`s Gegner ist keine anonyme Behörde, sondern nichts weniger als der Text selbst. Doch eins nach dem anderen.

Enteigneter Text – textuelle Enteignung

Zugegeben, ich war im Vorfeld wirklich skeptisch. Allein schon der verheissungsvolle Titel versprach eine Tour de Force durch einen postmodernen Mikrokosmos, in welchem sich Dokumentation, Fiktion, Politik, Weltgeschichte, Literatur, Bela Lugosi, Vicky Leandros und die Realität ein frivoles Stelldichein geben. Ob dieser szenische Bathyskaph, welcher sich die Etikettierungen «Diskurstheater» und «barocke Trash-Oper» auf die Fahnen geschrieben hat, die drohenden Klippen prätentiöser Beliebigkeit zu umschiffen vermag oder aber Schiffbruch erleiden würde, erschien fraglich. Ein Stück, welches sich derart explizit auf Michel Foucault, Roland Barthes und die übrige poststrukturalistische Literaturtheorie bezieht – kann das überhaupt funktionieren? Ja, es kann, und wie! Unter der Voraussetzung, dass man als Zuschauer ein Mindestmass an Interesse für den postmodernen Blickwinkel mitbringt, erlebt man neunzig höchstvergnügliche Minuten.

K (Jonas Riemer) leidet unter einer Schreibblockade und will eigentlich nur ein diskursives Theaterstück schreiben, ohne Figuren. Doch irgendetwas läuft dabei gewaltig schief. Der Regisseur Timo Krstin, dessen szenisches Alter Ego K bald erfahren wird, dass man sich als Autor nicht ungestraft mit dem Text anlegt, scheint eine Passage aus Roland Barthes` Vom Werk zum Text besonders verinnerlicht zu haben: «Es wird postuliert, die Welt […] determiniere das Werk, die Werke folgten aufeinander und das Werk sei Eigentum seines Autors. Der Autor gilt als Vater und Eigentümer seines Werks; die Literaturwissenschaft lehrt also, das Manuskript und die Absichtserklärungen des Autors zu respektieren, und die Gesellschaft postuliert eine Gesetzlichkeit des Bezugs zwischen dem Autor und seinem Werk […]. Der ‘Text’ hingegen wird ohne die Einschreibung des ‘Vaters’ gelesen. […] die Metapher des ‘Textes’ ist die des Netzes; wenn sich der ‘Text’ ausdehnt, so aufgrund einer Kombinatorik, einer Systematik […]; dem ‘Text’ wird also keinerlei vitaler Respekt geschuldet: er kann zerschlagen werden […]; der ‘Text’ lässt sich ohne die Bürgschaft des Vaters lesen […]. Nicht dass der Autor nicht in den ‘Text’, in seinen Text, zurückkehren könnte; dann aber, sozusagen, als Gast; ist er Romancier, so schreibt er sich als eine der Figuren ein, als Motiv im Teppich; seine Einschreibung ist nicht mehr vorrangig, väterlich, deontisch, sondern spielerisch: Er wird sozusagen zu einem Papierautor; sein Leben ist nicht mehr Ursprung seiner Fabeln, sondern eine mit seinem Werk konkurrierende Fabel […].[…] Das Ich, das den Text schreibt, ist selbst immer nur ein Papier-Ich

Der Tod des Autors

Dass der Text in K einen äusserst ungebetenen Gast sieht, zeigt sich bereits zu Beginn, als er zuallererst Criswell, die auktoriale Erzählerin von der Bühne verscheuchen muss, um sich dann in einem mit Foucault-Zitaten gespickten Redeschwall zu verlieren. Doch das Unheil hat bereits seinen Lauf genommen: Weil K sich verliert, schleichen sich plötzlich Figuren in das vermeintlich figurenlose Stück ein, die den Autor und seine Absichten gründlich missverstehen. Wo dieser von «Diskurs» spricht, wird «Kursk» verstanden, was eine Verschwörungstheorie zur Folge hat, die an Einfallsreichtum und zum Schreien komischer Absurditäten nicht zu überbieten ist. Wenn man durch einen meisterhaften Akt der Dechiffrierung (Buchstaben umstellen) wiederholt auf das Wort «Babuschkin» stösst, kommt man geradezu zwangsläufig zum Schluss, dass im Baikalsee der Hund begraben liegen muss – oder vielmehr eine geheime durch Steve Jobs betriebene Unterwasserstation. Dieser hat seinen Tod nämlich nur vorgetäuscht, um ungestört an der Erreichung seines obersten Ziels, der kapitalistischen Weltrevolution arbeiten zu können. Ob er dazu die Griechen zur «freiwillig verpflichtenden Organspende» zwingt und als Arbeiter in seine Unterwasserbasis deportieren lässt oder ob er gar das Atom-U-Boot Kursk versenken lässt, ihm ist jedes Mittel recht. Wenn ihm da nur nicht Bela Lugosi und Boris Karloff einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Weil die beiden Trash-Ikonen während der McCarthy-Ära sich gegenseitig Marx` Kapital vorgelesen hatten, standen sie schnell unter Kommunismusverdacht. Während Lugosi (grandios gespielt von Lorenz Baumgarten) an den Baikalsee fliehen konnte, kam Karloff dort nie an. Kein Problem: Bela hält sich seitdem auch für Boris. Ebendieser Lugosi/Karloff wusste die jeweils während der Marx-Lektüre in ihm aufsteigende Wut nur dadurch zu beherrschen, dass er sich Nylonstrumpfhosen anzog. Da ist es nur logisch, dass diese Nylonstrumpfhosen dazu benutzt werden sollen, den Lüftungsschacht von Jobs Festung zu verstopfen. Dazu gesellen sich noch das Vampirwesen Mina Murray alias Vicky Leandros` kleine Schwester und eine Handvoll Griechen, die wenn mal nicht mit Sirtaki Tanzen beschäftigt, sich zu den Klängen von Duran Durans Wild Boys akrobatischen Capoeiraübungen hingibt.

Verwirrt? Macht nix, das ist durchaus nicht unbeabsichtigt. Dass K sein eigener Text völlig über den Kopf wächst, muss man schliesslich irgendwie bemerken. Selten wurde ein Kontrollverlust witziger, abgedrehter inszeniert: Dem Autor entgleiten die Figuren derart, dass ihm (beim von Lugosi ausgeführten Anschlag auf den Hauptbahnhof) sprichwörtlich alles um die Ohren fliegt. Wo K beispielsweise als Witz den imaginären Hund Timmy ins Geschehen einführt und anschliessend wieder für tot erklärt, hat er die Rechnung ohne Lugosi gemacht, der Timmy solange beatmet bis das Tier wieder unter den Lebenden weilt. Selbst als K den Entschluss fasst «Ich hör jetzt auf mit dem Storytelling» und die Figuren daraufhin leblos zu Boden gehen; nur Sekunden später regen sie sich wieder und erheben sich wie Untote aus den Gräbern. Will der Autor in einem wilden Tobsuchtsanfall seine textuelle Allmacht einfordern, blickt er umgehend in einen Pistolenlauf und wird dazu aufgefordert, die Klappe zu halten. Am Punkt tiefster Resignation angelangt, sitzt K sporadisch in sein Notizheft kritzelnd an eine Säule gelehnt, unfähig in die Handlung einzugreifen. Irgendwann liegt er tot in der Mitte seiner Akteure, Streicher und Sängerin stimmen sein Requiem an, Air von Johann Sebastian Bach. Doch auch K kehrt zurück und unternimmt einen letzten Versuch, über Foucault referierend, den Text in Richtung Diskurstheater zu lenken. Ein Schuss erklingt, das Licht erlischt, eine postmoderne Irrsinnsodyssee geht zu Ende.

Timo Krstin ist mit diesem Stück etwas Unerhörtes gelungen. Hochkomplexe und staubtrockene Theorien des Poststrukturalismus während eineinhalb Stunden in derart unterhaltsamer und kreativer Form zu präsentieren, ist eine wahre Meisterleistung. Durchwegs grossartig gespielt und vor raffinierten Einfällen nur so strotzend, wird die Aufführung auch vom Publikum mit tosendem Applaus bedacht. So bleibt nichts weiter zu sagen als «Tot ist der Autor, es lebe der Text, es lebe der Diskurs!»

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