Der gestürzte König auf der Piazza

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: L’Expérience Blocher
Wo: Filmfestival Locarno, Piazza
Wann: 13.08.2013
Bereiche: Film+Fotografie, Locarno Film Festival 2013

Filmfestival Locarno

Kulturkritik ist am 66. Filmfestival Locarno. Wir begleiteten das Festival und berichteten live.

Der Autor

Andy Aguirre Eglin: Filmkritiker, Autor und Kulturjournalist.

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.

Von Andy Aguirre Eglin, 21.8.2013

Wuchtig folgt die virtuose Kamera aus der Vogelperspektive der Edelkarosse über Schweizer Landstrassen, hinauf durch bewaldete Serpentinen – als Bild einer gepflegt erschlossenen Heimat. Man wähnt sich auch in einem spannenden „Tatort“. Doch ist der nobel Chauffierte unter dem Helikopter kein Verbrecher, keiner, der sich die Hände schmutzig macht, sondern ein politischer Täter – der die Strukturen der Schweiz in zwei Jahrzehnten vom liberalen Rechtsstaat zum Bollwerk des Nationalismus veränderte, abermals zum Reduit mitten in Europa.

Wie ein Alpenkönig hält er Hof auf Schloss Rhäzüns und schwimmt täglich durch den 20m-Pool seiner Villa in Herrliberg – zur Entspannung und Ertüchtigung als Feldherr in ‚heiliger’ Mission: Die Bewahrung der Schweiz vor der Moderne und allem Fremden. Ausgenommen die Geschäfte seiner EMS-Chemie mit Fernost.

Auch die goldenen Zierblumen am Zaun zeigen: Da hat es einer nach ganz oben geschafft – neues Geld überbietet altes! Doch dem Publikum auf dem Lande und in den Vorstädten verkündet er treuherzig, er sei einer der ihren. Wer’s glaubt – ist nicht selber schuld: Denn die Werbebudgets in Millionenhöhe für die Mission einer verschlossenen Schweiz zeigen längst Wirkung: 30% wählen die SVP. Doch wie entsteht ein solcher „Auftrag“, den kaum ein Volk einem Einzelnen verliehe, wenn nicht durch stete Manipulation, durch die Bewirtschaftung seiner Ängste? Welche Sehnsüchte treiben einen solchen Einpeitscher von Feindbildern an, aus welcher Ohnmacht will er an die Macht? – Um sie wie „Fischer’s Fruh“ (Grimm) als Lehrstück der Arroganz am 12. Dezember 2007 wieder abgeben zu müssen.

„Noch nie drang ein Film tiefer in die Privatsphäre eines Schweizer Politikers als dieser Dokumentarfilm,“ erstaunte sich die Neue Zürcher Zeitung nach der Uraufführung auf der Piazza in Locarno. Aber wissen wir nach der filmischen Erfahrung von Blocher und seiner Frau wirklich mehr über Christoph und Silvia? Ihre einsilbigen Worte während der Autofahrten, vor und nach Terminen, im Triumph ebenso wie in der Niederlage tun es nicht. Dafür sind die Politstars zu routiniert. Sie geben sich keine Blösse. Selbst ein Französischfehler bei Blochers Vorbereitung seiner Rede im Fond seines Autos gerät zum launigen Bonmot, macht ihn noch sympathischer. Genau das ist Blochers Meisterschaft, die Vor-täuschung seiner Unschuld inmitten beträchtlicher Schuld. Wir vergessen, dass er ein Täter ist. Dass an diesem Mann, wenn nicht Blut, so doch Schicksale und Verzweiflung hängen. Nicht nur in der Asylfrage – nicht nur die Kasernierung, Kriminalisierung und Ausweisung Tausender Unbescholtener. Sondern auch die Aufhebung sozialer Errungenschaften für die eigenen Landsleute, für das „Volk“, auf das er sich so gern beruft, bei gleichzeitiger massiver Senkung von Steuern für eine Elite von Superreichen. – Es gilt nicht mehr die Unschuldsvermutung!

Was also unternimmt der Regisseur und Dokumentarist Jean-Stéphane Bron, um hinter die Fassade der Unschuld und Blochers stets, wenn auch nur (scheinbar) schlüssige Rhetorik zu kommen? Wenn nicht im zu wohlwollenden Interview mit offensichtlicher Beisshemmung möglich, so wäre es doch die Aufgabe der Bilder, nach den Beweggründen dieses Täters nationalistischer Hetze zu sichten. Doch die Kamerafahrten werden kaum fündig. Dafür sind sie zu ästhetisch – wie ihre Objekte höfischer Zier: weite Räume, Ausblicke in die Ferne und auf edle Kunst. Auch ein kritischer Betrachter erliegt solcher Aura des Reichtums, dem Charisma eines Mächtigen. Der nur mit dem Finger schnippen, mit einer kurzen Anweisung die Welt zum Schlechten verändern kann. Bron rückt seinem politischen Gegner so nah wie nur möglich auf die Pelle, er filmt ihn gar im Schlaf. Wieder steigt die Unschuldsvermutung auf, die Müdigkeit eines getriebenen Kämpfers in der Stille verleiten zum Mitgefühl: Hat er nicht doch Recht mit seiner Mission, mit seinem „Auftrag“ vom „Volk“ zur rechtsnationalen Verteidigung der Grenzen – jetzt, da General Guisan nicht mehr darum besorgt ist. Hat er nicht Recht mit seinem Lied von vergangener Zeit und Idylle, wie sie Albert Anker malte – wie es doch nie war. Trotz all dieser Nähe lichtet sich keines der Geheimnisse. Die Nähe selbst ist das Problem. Blocher triumphiert mit dem Lächeln des Siegers: „Sie kennen meine Geheimnisse nicht.“ Doch die ‚Homestory’ über den König ist im Kasten und Kino.

Über „L’Expérience Blocher“ (CH, 2013) schreiben heisst in jedem Fall in die Falle tappen: Man beachtet einen, der verachtet. Das ist das grundsätzliche Dilemma dieses Films, auch seiner öffentlichen Förderung. Andersherum – hätte der Leader der Schweizer Rechten seine Selbstdarstellung auch noch selber finanziert, liefe eine solche niemals auf der Piazza in Locarno. Also liess Blocher einen ausgewiesenen „Linken“ an sich ran: Das legitimiert den Film nach allen Seiten. Gleichzeitig ist ihm Bron bis auf wenige kritische Kommentare aus dem überhörbaren Off (die internationale Presse verstand sie kaum!) als Reporter für einen intellektuell veredelten Report vom Hofe der Blochers nützlich. Der Linke erlag aus den Umständen zwangsläufig der Aura des Gastgebers, der seinen Gast mitsamt Film bei zuviel Kritik jederzeit vor die Tür setzen konnte…

Liefen die Fragen des redlich bemühten Autors nicht in Blochers Schweigen leer, hätte der Filmemacher diese lauter gestellt und szenisch dokumentiert – als Gegenmacht der Bilder zu des Königs höfischen Ritualen – die Leichen im Keller des robusten Aufsteigers in den Olymp der Schweiz: So etwa Blochers Support des Apartheidregimes am Kap, als Nelson Mandela noch Gefangener auf Robben Island war, oder seine Rolle mit dem Banker Martin Ebner bei der Zerschlagung der Alusuisse inklusive Massenentlassung: Die Türe von Blochers Schloss wäre ins Schloss gefallen, die Zugbrücke zum Schweizer Filmschaffen unnahbar oben.

So stellt sich nach diesem gleichwohl hervorragend gemachten Dokumentarfilm die Frage: Triumphiert die Bauernschläue wieder einmal über die Intelligenz? – Geht Blochers neue Strategie der Einbindung seiner Kritiker, der von ihm einst verhöhnten „Linken und Netten“ als „embedded“ Hofberichterstatter und Gäste seiner führenden Bildersammlung von Albert Anker und Ferdinand Hodler auf? – Wenn sich Intelligenz als komplexes Denken definiert, dann ist Bauernschläue eines Populisten zielorientiert: das Auge auf die Börse, das Ohr am Stammtisch: Die politische Leistung Blochers besteht in der Liaison zwischen dem Ultra- und Neoliberalismus der Hochfinanz und schlichteren Schichten, ohne dass letztere ihre Instrumentalisierung durchschauten. Das ist Marketing vom Gröbsten und gleichzeitig vom Feinsten. Ähnliches tat sich in den 30er Jahren in Deutschland, als die Stahlbarone mit den Agrariern zusammengingen und einen krakeelenden Gefreiten an die Spitze setzten.

Soweit kann es nicht kommen in der antimonarchischen Schweiz: Der König ist gestürzt. Es lebe die Plutokratie. Die Serpentinen unter dem Helikopter führen nicht auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden, sondern landen in der filmischen Psychologiesierung von Mitleid für einen Alten, aber keineswegs Altersmilden, der immer noch auszieht, jene das Fürchten zu lehren, die ihn einst als Bauern-tölpel belächelten, die auch den Vater – einen polternden Pfaffen aus dem nahen Ausland (!) von der Kanzel stiessen, in Laupen am Rheinfall unweit der Grenze. Vielleicht ist ihm die Schweiz deshalb soviele Mythen wert von der Tellsplatte bis nach Marignano. Vielleicht muss er sich auf diese Weise jeden Tag wieder beweisen, dass er ein Schweizer ist. Nun ist aber genug – er gehört zu ihnen.

Nach der Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher 2009 meinte sein heutiger Statthalter im Wallis, Oskar Freysinger: Die Schweiz würde ihm einst auf dem Bundeshausplatz ein Denkmal setzen als einem ihrer wichtigsten Bewahrer.
Auf ein Denkmal ganz im Realismus eines Albert Ankers müssen wir wohl noch etwas warten – einen grandiosen Film zu Blocher’s Grandeur haben wir schon!

Trailer der SRG

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