Berlinale 2013 - der Tag danach

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Berlinale
Wo: Berlin
Wann: 07.02.2013 bis 17.02.2013
Bereich: Film+Fotografie

Der Autor

Christian Felix: Jahrgang 1960, arbeitet seit 2004 selbstständig als Drehbuchautor. Daneben schreibt er Reden, Buchkritiken, Zeitungs-/Magazinartikel, sowie Editorials (www.christianfelix.ch)

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Dieser Beitrag wurde durch eine Patenschaft ermöglicht. Herzlichen Dank (siehe Unabhängigkeit).

Von Christian Felix, 22.2.2013

«Der Tag danach», heisst ein Film aus den 80er Jahren, der die USA am Tag nach dem Atomkrieg zeigt. Am Tag nach der Berlinale geht es in Berlin eher zu und her wie in einem anderen Streifen: «Cabaret» mit Liza Minelli. In den altherrschaftlichen Pensionen um den Ku’damm schnappen die Kofferschlösser zu, in den Salons des Literaturcafés bleiben die Plätze leer und am Flughafen treten sich die Passagiere auf die Füsse. Derweil jammert die Berliner Tagespresse über ein schwaches Programm, über den Bedeutungsverlust des Festivals, spricht von Krise und personellen Konsequenzen, konstatiert eine Verheerung wie «Im Tag danach». Einzig die linke «TAZ» hält tapfer dagegen. Das grösste Publikumsfestival der Welt, zweihundert Filme, hundert Premieren! Nur schon dies!

Klatsch und Kritik

Eben darum waren sie riesig, die Erwartungen bei der Ankunft, als der Fernsehturm aus dem Flugzeugfenster zu erkennen war. So viele filmische Höhepunkte, so viele grosse Namen im Programm! Und am Ende doch ein Kater, Klagen allenthalben. Anderseits: Wer hat denn schon mehr als vielleicht zwanzig Filme gesehen? Nicht mal die Berliner Kritiker. Wie auf jedem grösseren Festival war man auf Begleit-Veranstaltungen angewiesen, auf Hörensagen, auf mitgehörte Gespräche, darauf was andere schreiben und auf den allwissenden Klatsch. So jagt eben so eine Festivalherde bald diesem Trend nach, bald dem anderen. Ab und zu wird ein Film dabei überrannt. Zum Beispiel «Elle s’en va», mit Catherine Deneuve in der Titelrolle. Der feinsinnige Humor dieser Komödie liegt im Dialog. Nur wird an der Qualität der Untertitel heutzutage mächtig gespart. So gehen denn in fremdsprachigen Filmen Witz und Doppelbödigkeit verloren. Von den Werken im Wettbewerb landete «Elle s’en va» auf dem letzten Platz.

Andere Filme wurden noch vor der Premiere hoch gehandelt. So etwa «Pardé» (geschlossene Vorhänge), das Werk des iranischen Regisseurs Jafar Panahi. Der Film musste heimlich gedreht werden und wurde vom iranischen Regime umgehend als «illegal» erklärt. Allein schon damit war dem Film eine Auszeichnung sicher. Nun erwies sich Panahi durchaus als Meister seines Fachs. Besonders das Spiel des Hauptdarstellers Kamboziya Partovi allein im Haus mit seinem (ebenfalls illegalen) Hund ist umwerfend. Der Film stapelt aber auch Metaphern förmlich aufeinander. Viele davon bleiben ohne Kenntnis der Sprache (Farsi) und des genauen politischen Umfelds für das europäische Publikum unverständlich. Die Geschichte wird so zum Dickicht kaum durchschaubarer Handlungen. Die Berlinale-Juroren verliehen dem Film den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Eine Verlegenheitslösung.

Schmuckstücke und Abstürze

Manches Juwel bleibt vom Festivaltross unbeachtet links liegen. «La Plaga» (Die Epidemie) zum Beispiel. Erstaunlich, wie nah und glaubwürdig die katalanische Regisseurin Neus Ballús den bitteren Alltag im Standrandgebiet dem Publikum vermittelt. Neus Ballús lässt den Laiendarstellern ihre unverfälschte Sprache. Wer etwas Katalanisch versteht, lacht allein im Saal.

…während das das Publikum schon weiter hastet, von Ost nach West, von Schlange zu Schlange, vom noblen Fasanenplatz in die früher einmal Stalin, dann Karl Marx, jetzt wieder Frankfurter Allee. Traum und Albtraum kreuzen sich in Berlin schnell einmal auf demselben Gehsteig. Erst die Stimmung, in der man herum geschleudert wird, macht den Zuschauer, erst der Zuschauer macht den Film. Allem Jammern zum Trotz: Die Berliner Zuschauerinnen und Zuschauer haben an der Berlinale 2013 durchaus Schätze gehoben.

Doch es ärgert die Berliner, dass die bekannten Regisseure ihnen oft nur ihre Nebenprodukte vorsetzen. Ken Loach, der in seinen Filmen sonst so fantastische Geschichten erzählt, war mit politischer Agitprop vertreten: «The Spirit of `45». Gut gemacht, aber doch schlicht ein Zusammenschnitt aus Archivmaterial und Interviews. Gus Van Sants Beitrag «Promised Land» kann man sogar als Geringschätzung des Festivals auffassen. Matt Damon übernimmt in diesem Film die Hauptrolle, hat das Drehbuch dazu mitgeschrieben und wollte selbst Regie führen, bevor er diesen Part Gus Van Sant überliess. Das Ergebnis ist so platt und so pfarrherrlich, dass es einem die Gedärme zusammen zieht. Matt Damon spielt nicht mal sonderlich gut in dem Streifen.

Berlin gestern, heute, morgen

Statt über den Atlantik blickt die Berlinale zunehmend in Richtung Osten. Filme aus dem Europa zwischen Ostsee und Ägäis sorgen fast jedes Jahr für Aufsehen. Der rumänische Film «Poziţia Copilului» (Pose des Kindes) des Regisseurs Călin Peter Netzer gewann heuer den goldenen Bären, der bosnische Film «Epizoda u životu berača željeza» (Episode aus dem Leben eines Eisenhauers) von Danis Tanović zwei silberne Bären. Vor dem Hintergrund der zerrütteten Gesellschaften Südost-Europas gewinnen ehrliche Filme offenbar eine besondere Macht – dies als Ansatz einer Erklärung. Die Berlinale bietet aber auch ein Forum für die kleinen Nachbarstaaten Deutschlands, wie Dänemark, die Niederlande, Österreich und die Schweiz. Die Publikumsgunst neigte sich dieses Jahr dem Film «Vaters Garten – Die Liebe zu meinen Eltern» des Schweizers Peter Liechti zu. Der Regisseur zeichnet ein zum Teil inszeniertes, zum Teil dokumentarisches Porträt seiner Eltern und ihrer Generation.

Dazwischen die freie Zeiten. Essen in einer Kneipe, deren Speisekarte stets noch von Ostpreussen träumt – Berlin gestern; im Suff bei Morgendämmerung die perfekte Revolution entwerfen – Berlin heute; sonntags Baby-Besuch weitab von Ku’damm, Potse und Alex, wo sich neue Einfamilienhäuser hektarenweise ausbreiten – Berlin morgen. Gestern waren launig-humoristische Einführungen in die Filme, heute gibt’s einen Satz genuschelt auf Globish, als würde eben durchgesagt: «This is a non smoking airport». Auch das wird sich wieder ändern. Darum müssen wir immer wieder hin, zur Berlinale. Krise hin oder her. Dann heisst es wieder «Willkommen, welcome, bienvenue – im Cabaret!»

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