Mimikry und Schockeffekte im Loop-Modus

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Steven Uhly
Wo: Literaturhaus Zürich
Wann: 13.03.2012
Bereich: Literatur

Die Autorin

Anja Wegmann: Jahrgang 1981, unterrichtet seit ihrem Germanistikstudium in Zürich und Berlin am Gymnasium. Daneben schnuppert sie gerne Redaktionsluft und gönnt sich Abstecher in die Theaterwelt. Letzteres unterdessen nicht nur genüsslich zuschauend und kritisch zerpflückend; die Weiterbildung in Theaterpädagogik an der ZHdK sieht nämlich vor, Madame dann und wann auch mal selbst auf die Bretter klettern zu lassen, die die Welt …

Die Kritik

Lektorat: Moritz Weber.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Literaturhaus Zürich (siehe Unabhängigkeit).

Von Anja Wegmann, 24.3.2012

«Manche mögen’s heiss!», könnte das literarische Motto von Steven Uhly lauten. Wie wäre es zum Beispiel mit fröhlich inszeniertem Inzest, ungehemmter Promiskuität und Pornografie als Lebensunterhalt – fein verpackt in eine, zugegebenermassen, irrwitzige Familiengeschichte? Ja, schon in seinem Debütroman Mein Leben in Aspik (Secession Verlag 2010) war der Schriftsteller und Übersetzer aus München nicht gerade um das bemüht, was man sich landläufig unter Political correctness vorstellt. Davon konnte man sich auch im Rahmen seiner Lesung im Literaturhaus Zürich mit anschliessender Diskussion überzeugen. Denn auch in seinem zweiten Roman fasst Steven Uhly heisse Eisen an.

Opferrollen und Ohrfeigen in Mannheim

In Adams Fuge (Secession Verlag 2011) bildet der Migrationshintergrund des halb türkischstämmigen Protagonisten Adem Öztürk alias Adam Imp den Ausgangspunkt einer schier endlosen Serie wechselnder und unüberschaubarer Identitäten. Davon werden auch all jene affiziert, mit denen Adem in Kontakt kommt. Gleichzeitig wird eine Spirale der Gewalt in Gang gesetzt. Und das geht so: Uhly lässt Adem in Mannheim im Schosse einer sechsköpfigen Familie aufwachsen, wobei der türkische Vater seine deutsche Ehefrau gerne mal spitalreif prügelt. Als aber Adem acht Lenze zählt, verschwindet die Mutter eines Nachts, des Familienoberhaupts, der häuslichen Gewalt und ihrer Opferrolle überdrüssig.

Der brüskierte Vater findet daraufhin zu tieffrommer Religiosität und fasst den Entschluss, seine vier Kinder – nachdem er von deren geheimen Treffen mit ihrer Mutter Wind bekommen hat – in seinem alten Mercedes in die gelobte Türkei zu (ent-)führen, «wo ein Mann noch ein Mann war und eine Frau noch seine Frau». Daselbst lässt er sich an einer Koranschule zum staatlich geprüften Imam ausbilden, macht sich daran, Adems ältere Schwester Evin zeitig zu verheiraten – die sich der Ehe mit dem Gebetsteppichhändler von gegenüber allerdings durch einen tödlichen Sprung vom Balkon entzieht −, und deckt Adem selbst mit pädagogisch wertvollen Ohrfeigen ein. Was allerdings wenig Wirkung zeigt: Adem bleibt seinen älteren Brüdern Çem und Faruk in Sachen Virilität auch weiterhin klar unterlegen und soll das Versäumte deshalb in der Armee nachholen.

Eine Killer-Karriere wie im Bilderbuch

In Ausübung seiner militärischen Pflicht gerät Adem unversehens in die Fänge des türkischen Geheimdienstes, und sein Curriculum Vitae verzeichnet bald eine wachsende Zahl äusserst handfester Aufträge, insbesondere nach seiner Rückkehr nach Deutschland (nun als Adam). Eine Bilderbuch-Killer-Karriere, die aber weniger auf Adems/Adams genuinen Ehrgeiz als vielmehr darauf zurückzuführen ist, dass etliche (miteinander konkurrierende) Geheimdienste Adams Hintergrund als Migrant geschickt für ihre Zwecke zu nutzen wissen. International rühriger Top-Shot und im Grunde easy zu führen, wird er zum willfährigen Vollstrecker fremder Schiessbefehle und verschafft sich so ein gesichertes Einkommen. Eine Win-Win-Situation, oder?

Zwei Wermutstropfen gibt es: Einerseits verkommt Adam zum Spielball unsichtbar agierender Kräfte, worunter die denkerischen Kapazitäten, die emotionale und soziale Intelligenz und schliesslich die Identität des Jungspundes zu leiden haben. Ärgerlich an der Sache ist anderseits ein Phänomen, das ihn im wahrsten Sinne des Wortes verfolgt: Unerklärlicherweise erscheinen jeweils kurz nach einer erfolgreichen Exekution die Geister der Getöteten vor Adams geistigem Auge, um diesen ins Gespräch zu verwickeln und ordentlich zu verwirren – was ungemein komisch zu lesen ist.

Mimikry im Kleide des Feindes

Mit amüsanten Versatzstücken aus dem Genre des Schauerromans lässt es Uhly aber nicht bewenden. Vielmehr torpediert er das entspannte Lektürevergnügen immer neu, indem er die Grenze zum Brisanten, Bizarren, Blossstellenden regelmässig überschreitet. Es entwickelt sich eine temporeiche Erzählung, die mehr und mehr Schemata aus dem menschlichen Handlungs- und Denkhorizont erfasst, gleichsam dokumentarisch vorführt und mitunter durch den Kakao zieht. So müssen die abgelutschten Scripts aus der Welt des Spionage-Thrillers ebenso dran glauben wie die Glaubenssätze eines nur halb kaschierten Rassismus bzw. Nationalismus oder die salbungsvollen Erinnerungen eines Alt-68ers an frühere, bessere Zeiten. Das ist immer wieder lustig, doch wird man zugleich zum misstrauischen Leser, legt sich auf die Lauer: «Et tu, Brute», könnte es ja im nächsten Augenblick schon heissen, wenn man sich in Steven Uhlys farbenfrohem Figurenkabinett selbst wiedererkennt!

Deutsche Bundesnachrichtendienstler, die sich zur Tarnung wie ihre kurdischen bzw. türkischen Kollegen und Widersacher kleiden, ein Trupp schlagfreudiger Neonazis, der sich das  farbenfrohe Erscheinungsbild unbedarfter, langhaariger, ultratoleranter Hippies zu eigen macht − dass hier das «Shifting Identities» als postmodernes Modell und handlungstreibendes Motiv gezielt eingesetzt wird und erzählerisch glückt, dürfte dem einen oder anderen einleuchten. Mag auch ein Teil der Leserschaft das Buch schon längst in die Ecke geschmissen haben und sich darüber enervieren, die Handlung werde immer abstruser und zunehmend schablonenhaft, der simple Sprachduktus zur Peinlichkeit: Wer’s gerne sarkastisch schwarz mag, kommt hier auf seine Kosten.

Aktion «Holocaust live»

Richtig derb wird es aber erst, wenn die Erzählfäden zusammenlaufen. Adam soll Harald liquidieren, der selbst ein Genie des Mimikry ist: Als V-Mann des BNDs in der rechtsradikalen Szene ist er nicht nur innerlich zum Feind übergelaufen, sondern hat zum Zweck der optimalen Tarnung auch ein verdammt realitätsnahes Holocaust-Computerspiel entwickelt, weshalb Adam auf ihn angesetzt wurde. Doch zunächst plaudern und gamen die beiden ein wenig. Als sich allerdings die bereits erwähnten, Harald observierenden BNDler und Haralds rechtsradikale Freunde vor dem Haus eine wüste Schlägerei liefern, eskaliert die Situation auch im Innern – zarte Gemüter, weghören!

Denn wenn Haralds seiner Hoden verlustig zu gehen droht, wenn er sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmt, Adam ihn auf die Narben auf seinem Rücken anspricht und zusammen mit seiner Zielperson über ihre kindlichen Gewalterfahrungen heult, um Harald am Ende doch zu exekutieren, dann möchte man sich am liebsten übergeben. Und Steven Uhly geht noch weiter, indem er am Ende die (bis auf den Vater) wiedervereinte Familie Imp auf der Suche nach einem digital versteckten Industriegeheimnis und hohen Geldbeträgen gemeinschaftlich das Holocaust-Spiel spielen und den Völkermord live an der Rampe und in der Gaskammer nacherleben lässt − ein Stück Läuterung mancher am Joystick sitzender Familienmitglieder inklusive.

Die Sinnfrage

Wozu das alles? Ist es nicht schändlich, tagesaktuelle Fragen rund ums Thema Ausländerfeindlichkeit – rassistische, religiöse und nationale Vorurteile namentlich gegenüber muslimischen Minderheiten – in einen Topf zu werfen mit dem historischen Sonderfall des Holocaust? Einige Erfahrungsberichte im Internet lauten entsprechend: «Primitiv. Primitiv. Primitiv.» Es bleibt aber zweierlei anzumerken: Gerade da, wo sich Uhly ans Dokumentieren in Deutschland gängiger Denkweisen und Einstellungen macht, greift er auf das Medium des Zitats zurück; die haarsträubendsten, plattesten und populistischsten Äusserungen und Attitüden stammen in Tat und Wahrheit aus der Realität des deutschen Alltags. Freilich schockiert Uhlys Montage, sodass nicht nur Adam das Lachen vergeht. Adams Fuge exerziert tatsächlich so etwas wie einen Loop des schlimmsten anzunehmenden Unglücks.

Ist dieser Tage vielleicht der kalkulierte Schock das einzig praktikable Mittel, um Moral wirken zu lassen und aufzuklären? Immerhin scheinen namhafte Kritiker und Feuilletonisten Folgendes erkannt zu haben: Es gehe Uhly, dem promovierten Literaturwissenschaftler, um Demaskierung im Gewand der Persiflage. Es mag nicht mehr als ein pikantes Detail sein, dass Adams Fuge punktgenau ein Jahr nach Thilo Sarrazins umstrittenem Pamphlet Deutschland schafft sich ab (DVA 2010) erschienen ist, das eine heftige Debatte nach sich zog – und der Bundesrepublik das meistverkaufte Politiksachbuch eines deutschen Autors des Jahrzehnts bescheren sollte. Nun, auch wenn Autor Steven Uhly keine literarische Replik auf Sarrazins Thesen geschrieben haben will: Die Chancen, dass Adams Fuge mit der Verleihung des Tukan-Preises 2011 der Stadt München erst recht für Diskussionen sorgen könnte, stehen gut. Und so wurde auch im Literaturhaus Zürich im Anschluss an Uhlys Lesung und sein Gespräch mit der Kulturjournalistin Regula Freuler lebhaft diskutiert – wobei die Hörerschaft offenkundig angetan war von Uhlys Roman und der Autor sein literarisches Anliegen eloquent darlegte.

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