Amalgam aus Bühne und Technologie

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Stage Digital – A Scenographic Expedition
Wo: Theater der Künste, Bühne A
Wann: 29.11.2012 bis 30.11.2012
Bereiche: Bildende Kunst, Digitale Medien, Performance, Theater

Der Autor

Martin Burr: Martin Burr schreibt und inszeniert elektrisches Musiktheater. Als Réalisateur der Imprimerie Basel gestaltet er ein ausgewähltes Programm zwischen Künsten und Wissenschaften. Er arbeitet an der Zürcher Hochschule der Künste (Forschungsschwerpunkt Transdisziplinarität), ist Vorleser für ältere Menschen und unterrichtet Musik. Engagiert ist er in der Society for Artistic Research für internationalen Austausch.

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Hochschule der Künste (siehe Unabhängigkeit).

Von Martin Burr, 2.12.2012

Das Institute for the Performing Arts and Film der Zürcher Hochschule der Künste lud zu einer zweitägigen szenographischen Expedition auf die «Digitale Bühne». Einerseits ging es um einen Erfahrungsaustausch zur digitalen Ästhetik auf sogenannten erweiterten Bühnen, im Rahmen von Diskussionsrunden. Andererseits wurden Anwendungen von neuen Technologien dieser digitalen Ästhetik in den lebendigen Künsten präsentiert, und zwar in Form von Installationen und Performances. Impulsgeber der Expedition war das in der Nähe von Lausanne beheimatete Nationalfondsprojekt «SINLAB», das lebendige Künste, Architektur, Wissenschaft, Technologie und Philosophie zu neuen Wegen künstlerischen Ausdrucks, wissenschaftlicher Experimente und technologischer Entwicklung führen möchte.

Mit anderen Worten: die Veranstaltung warf Fragen auf und ging diesen nach. Wird der Performer im elektrischen Smog allmählich aufgelöst? Können Projektionen in ihrer Plastizität allenfalls Objekte ersetze? Oder: Was geschieht, wenn die Tänzerin anfängt, mit ihren Bewegungen selbst zu komponieren?

Breite Kooperation

Bei SINLAB ist zurzeit der Choreograf Pablo Ventura als Artist in Lab zu Besuch, der für ein paar Experimente den doktorierenden Chris Ziegler zur Seite nahm. Das Farb-Licht Zentrum der ZHdK kooperierte mit Andrew Sempere (einem weiteren der vier Forschenden des SINLAB), und als Gäste wurden 400asa, die Studierenden des Master Theater sowie der Dozent und Filmemacher Christian Iseli zu Beiträgen eingeladen. Einen philosophischen Kontext durfte Chris Salter schaffen, externer SINLAB-Berater und Autor des Werks «Entangled: Technology and the Transformation of Performance».

Die SINLAB-Projekte und -Beteiligten mit den lokalen Akteuren zu verbinden, dieser Ansatz ist ehrlich und konfrontierend. Der Wunsch, ein Amalgam von Bühne und Technologie zu schaffen, und das innerhalb von zwei Tagen, kommt darin zum Ausdruck – ein fragiler Wunsch, ein hoch gestecktes Ziel.

Kristallisationspunkte

Wirklich virulent wird die Mischung aus Technologie und Bühne an Stellen, an denen die Aufgabe von Autorschaft diskutiert wird: Wer «kreiert» denn eigentlich, wenn die ganze Bühne «intelligent» wird? Ein weiterer Kristallisationspunkt konnte im Rollenverständnis gefunden werden: Wenn sich ursprünglich klar verteilte Rollen erweitern zu umfassenden Verantwortungen für weitere Bereiche der Bühne, so liegt dem auch ein verändertes Rollenverständnis zugrunde. Dass hierfür ein «Interface» nötig wird, darüber waren sich die Teilnehmenden einig, und die Gespräche der Beteiligten lassen hoffen, dass bald entsprechende Versuche Früchte tragen werden.

So klingen die Gespräche über einen iPod, dessen Bewegungssensoren eine Choreografie erkennen und mit Klängen ausstatten können, viel umständlicher, als das Projizieren laufender In- und Output-Werte.

Ein wirkungsloser Artefakt?

Die Erfahrungen der Tagung zeigen indes auch, dass die digitale Bühne noch ein Nischendasein führt. Sie schafft es auch nicht, eine Brücke zu schlagen zu den sozialen Kontexten oder der menschlichen Sprache, die doch für die lebenden Künste von zentraler Bedeutung sind. Die digitale Bühne wirkt dadurch etwas einsam, erst recht, wenn einem bewusst wird, dass sich während der Tagung eine sehr kleine Gruppe von Spezialisten getroffen hat. Noch fehlen die «Interfaces» zur umgebenden Welt, denn ohne deren Einbezug bleibt die choreografierte Bewegung ein wirkungsloser Artefakt. Es gilt also, die Bezüge zu schaffen. Daher sind die Gruppe 400asa ihr Ko-Gründer Samuel Schwarz dankbare Partner, die uns an die Hand nehmen, die Welt zu erkunden. Die reale ebenso wie die digitale.

Weitere Informationen zum Projekt bei http://www.sinlab.ch/.

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