Zwischen genitaler Oberflächlichkeit und genialem Hintersinn

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Simon & Jan: Der letzte Schrei
Wo: Im Hochhaus, Zürich
Wann: 28.09.2012 bis 29.09.2012
Bereiche: Musik, Theater

Die Autorin

Elena Ibello: 1982 geboren, seit 2003 freie Journalistin. Im Master-Studium Art Education, publizieren&vermitteln, an der ZHdK.

Die Kritik

Lektorat: Moritz Weber.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben vom Migros-Kulturprozent (siehe Unabhängigkeit).

Von Elena Ibello, 29.9.2012

«Guten Abend.» Mit leiser Stimme und seriöser Ernsthaftigkeit wird das Publikum begrüsst. Auf der Kleinkunstbühne des Migros-Kulturprozents im Hochhaus am Limmatplatz sitzen zwei junge Männer auf ihren Stühlen und blicken zaghaft ins Publikum, während sie ihre Gitarren stimmen. Simon & Jan, der eine mit langen Rastalocken, der andere mit einer Schiebermütze über den kurzen, blonden Haaren, wirken wie zwei Studenten, die in den Semsterferien endlich mal wieder tun wollen, worauf sie Bock haben. In ihrem Fall: Eigene Lieder machen, die die Leute zum Lachen bringen sollen. «Der letzte Schrei» ist ihr erstes Programm und Simon & Jan sind nun damit erstmals in der Schweiz.

Jan spricht nicht nur sehr leise, sondern auch sehr langsam. Er wirkt scheu und zurückhaltend, was sich selbstverständlich bald als Trugbild erweisen wird. In Deutschland, sagt Jan, herrsche ja das Klischee, die Schweizer seien wahnsinnig langsam. Darauf wolle man heute etwas Rücksicht nehmen. Danke, sehr nett.

Flüchtige Witze

Der Start mit einem Lied aus ihrer Studentenzeit, in der sich die beiden Musiker kennenglernt haben, gelingt wunderbar. Sie singen dabei von den ewigen guten Vorsätzen und dem ewigen schlechten Gewissen der im ewigen Motivationskampf ringenden Studierenden und wirken höchst authentisch. Das Spiel und der Gesang sind perfekt. Die beiden Musiker spielen hingebungsvoll schöne Balladen. Der Kontrast zwischen dieser gefühlvoll-perfekten musikalischen Inszenierung, die eigentlich zum Zurücklehnen, Entspannen und Geniessen anregt, und dem Inhalt der Liedtexte erzeugt eine reizvolle Spannung. Mit Entspannen ist also nichts. Die jungen Männer singen nämlich von den Mühen des Lebens, von der korrupten Fäulnis in der Politik, vom Generationenkonflikt – und immer wieder von Genitalien und Fäkalien. Die Texte sind manchmal intelligent und scharfsinnig und nicht selten derb und vulgär. Letzteres wird wohl der Grund dafür sein, dass einige ältere Damen nach der Pause klaffende Lücken im Publikum hinterlassen. «Es kommt uns regelmässig Publikum abhanden», sagt Jan. «Das sind wir uns gewöhnt.» Schön, dass sich die jungen Künstler davon nicht beirren lassen und die nächste Komposition ihres sechsteiligen Zyklus’ «Genitalien auf Abwegen» anstimmen, die allerdings eine der harmlosesten Zeilen beinhaltet: «So’n Genital wird digital meist maximal verpixelt. Wird es das nicht, handelt’s sich vermutlich um ein Wixbild.»

Insgesamt wird in «Der letzte Schrei» viel Belangloses kunstvoll verpackt, in musikalischem Superkönnen und sprachlicher Raffinesse vorgetragen. Die Texte sind tadellos gereimt, die Lieder perfekt durchkomponiert, der Inhalt ist oft oberflächlich und reisserisch. Das ist gelungene Komik, sehr amüsant, lustig und unterhaltsam, manchmal auch überraschend. Aber es ist nichts, was einen bleibenden Eindruck hinterlassen würde. Ist der Witz gespielt, hat er sich auch schon verflüchtigt.
Vielleicht entsteht dieser Eindruck aber auch, weil aus Schweizer Perspektive viele der politischen Witze zu weit weg sind und das Publikum nicht genügend ansprechen. Wenn Simon & Jan beispielsweise über den verstorbenen FDP-Politiker Jürgen Möllemann witzeln, der vor zehn Jahren kurzzeitig deutscher Vizekanzler war, dann regt sich im Publikum in Zürich wenig.

Scharfer Verstand, lockere Zungen

Aber! Das politisch inkorrekteste aller Lieder zeigt ganz deutlich, was bisher nur zwischendurch aufgeflackert war: Die Jungs können noch mehr. «Lesbische, Schwarze, Behinderte 2.0» ist der absolute Höhepunkt des Programms. Es beginnt mit einem Schocker: «Auch Lesbische, Schwarze, Behinderte können ätzend sein.» Davon gelangen Simon & Jan zur Behauptung, im Parlament seien ätzende Menschen gefragt. «Und sowas sollen wir wählen? Die Hände, mit denen sie winken, genau wie das Geld, das sie zählen, da hilft doch kein Waschen, die stinken.» Und das Lied wird nicht mehr freundlicher. Simon & Jan scheuen sich nicht, einzelne Politiker offen mit Kraftwörtern zu betiteln. Doch das allein verleiht dieser Nummer selbstverständlich nicht ihre Kraft. Sie analysiert bei aller scheinbaren Oberflächlichkeit sehr präzise, sie lässt eine Dringlichkeit spüren, die nur auf echtem Interesse basieren kann, ihre Kommentare sind mehrdeutig, aber unmissverständlich und äusserst bissig. Eine geistreiche Nummer, für die es neben Verstand und sprachlich-musikalischem Können auch eine gute Portion Schneid und Leidenschaft braucht. Hier gleicht sich das Niveau des Inhalts demjenigen der musikalischen und sprachlichen Komponente an. Mehr von dieser Sorte würde Simon & Jan wohl schnurstracks in die Comedy-Elite katapultieren.

Frau verzeiht darum, dass die Zugabe mit einem einfältigen Aufruf an die Frauen zum Draufgängertum beim Männeraufriss endet. Er wird immerhin in lustigen Anekdoten und gutem Sprachwitz gemacht und lässt Raum für Interpretationen.

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