Der lachende Traurige

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Provokation als Prinzip – John Cage und die Künste
Wo: Cabaret Voltaire
Wann: 30.10.2012
Bereiche: Digitale Medien, Musik

Der Autor

Moritz Weber: Jahrgang 1976, studierte Klavier an den Musikhochschulen in Zürich und München sowie Kulturpublizistik an der ZHdK. Er lebt als freischaffender Konzertpianist, Kulturjournalist und Klavierpädagoge in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Patricia Schmidt.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben vom Migros-Kulturprozent (siehe Unabhängigkeit).

Von Moritz Weber, 1.11.2012

Immer wenn vom Komponisten John Cage die Rede ist, wird sein sympathisches Lachen erwähnt. Auch auf Bildern sieht man ihn meistens lachend. Dass der Mensch Cage – er würde dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiern – aber auch eine leidende Seite hatte, das kam an der Diskussion im Cabaret Voltaire (im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Digital Brainstorming» des Migros-Kulturprozents) ganz klar heraus.

Schwulsein in den USA

Die Referentin und Musikerin Iris Rennert betonte in der Diskussion immer wieder die biographischen Bezüge in Cages Werken, welche meist vernachlässigt werden. Cage war homosexuell und lebte ab 1942 mit seinem Partner Merce Cunningham in einer Loft in Chelsea, New York. Es war zwar ein offenes Geheimnis, dass die beiden ein Paar waren, an ein richtiges Coming-Out war allerdings zu jener Zeit in den USA nicht zu denken: Homosexualität galt bis 1973 gemäss der American Psychiatric Association als psychische Krankheit und der berühmte Befreiungsschlag «Christopher Street Day» der Gay-Community gegen ihre Diskriminierung fand erst 1969 statt. «Kontakt zum Rest der homosexuellen Gesellschaft gab’s nur beim nächtlichen Cruisen in Parks», hat Cage einmal ernüchtert festgestellt.

Das Leid des Versteckens

Dem daraus resultierenden Leidensdruck versuchte Cage zuerst durch eine Psychoanalyse zu entkommen, doch dies brachte nicht die gewünschte Linderung: «Keiner der Ärzte kann einem helfen, die Gesellschaft und die Erziehung auch nicht.» So begann er, sich für Zen zu interessieren und die innere Stille dort zu suchen.

Dieser persönliche Hintergrund warf denn auch ein unerwartetes Licht auf die Fragestellung der Diskussion, ob Cage mit seiner Kunst aus Prinzip provozieren wollte. Iris Rennert, der Musiker Andres Bosshard und der Historiker Peter Kraut waren sich einig, dass es Cage in seinen Werken vielmehr um eine Verschiebung von Perspektiven ging. Um elementare Fragen, die er auf präzise und direkteste Weise stellte. Was ist normal? Was ist Kunst? Was ist Musik? Was ist Stille?

Zeit für stilles Nachdenken

Cages berühmtes Werk «4’33’’» (noch immer viel zu wenig im Konzertsaal zu hören) erklang als treffendes Beispiel. Es ist ein virtuoses Hinterfragen und Vergleichen von künstlerischen Gepflogenheiten und gemäss Iris Rennert unterschwellig auch immer Cages Vergleich seiner eigenen Lebensweise und Sexualität mit den damaligen bedrückenden Normen. Er zwang ganz besonders mit diesem seinem Lieblingsstück alle Zuhörenden zu einem allgemein offeneren Denken.

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