«Image Problem», eine starke Satire über die Schweiz

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Locarno Film Festival

Der Filmkritiker, Autor und Kulturjournalist Andy Eglin, der selbst während drei Jahren als Delegierter des Verbands Schweizer Filmjournalisten in der Auswahljury der «Semaine de la Critique» sass, berichtet im Rahmen von vier Beiträgen über das Locarno Film Festival 2012. Die Texte werden gleichzeitig auf Journal 21 publiziert.

Der Autor

Andy Aguirre Eglin: Filmkritiker, Autor und Kulturjournalist.

Von Andy Aguirre Eglin, 5.8.2012

Auch als Bewohner der Komfortzone Schweiz tut man sich schwer. Selbst das Fernsehen geht von einer Fiktion aus: «Idée Suisse» nennt es seinen öffentlichen Sendeauftrag. Es will dem Publikum eine Idee geben von der Schweiz. Ohne Idee, ohne gemeinsame Vorstellung, gebe es keine Willensnation, beschwören die Reden am 1. August, dem Nationalfeiertag. Somit braucht jeder eine Idee seiner selbst, hat jede eine Idee vom andern. Gibt es ohne Image keine Existenz? Wie steht es um das Bild der Schweiz? Gibt es so viele Bilder wie bald 8 Millionen. SchweizerInnen? Wie wird unsere nach wie vor privilegierte Spezies im Ausland gesehen?

Rolf Lyssy griff diese Fragen schon 1978 auf. «Die Schweizermacher» ist bis heute der erfolgreichste Schweizer Film. 940’103 Zuschauer gingen damals ins Kino (bei 6,5 Millionen Einwohnern). Was auch zeigt: Schweizer beschäftigen sich gerne mit sich selber.

Die Wohlstandssatire entstand im Nachgang zu den fremdenfeindlichen Schwarzenbach-Initiativen der 1970er Jahre, womit die enge Verbindung, wenn nicht gar notwendige gegenseitige Beziehung von Identität und Abgrenzung manifest wird. Aber kann man sich dem Thema nur über die Satire nähern? – Ist ihr Gegenteil der völkische Wahn der Leni Riefenstahl? – In der Reihe der Komödien zur Schweizer Identität zwischen Nostalgie und Aufbruch, Obstruktion und konstruktiver Opposition ist auch Daniel Schmids «Beresina» (CH 1999) zu erwähnen. Martin Suter schrieb das Drehbuch.

Politischer Auslöser, satirische Aufarbeitung

Auch die Filmautoren von «Image Problem», Simon Baumann und Andreas Pfiffner, beide Absolventen der Berner Hochschule für Künste, gehen in ihrem erfrischenden Beitrag im Internationalen Wettbewerb 2012 in Locarno von Selbstironie und Humor als glaubwürdigste Mittel zur Identitätsfindung aus. Sie nähern sich Schweizern als stolzen Besitzern umzäunter Eigenheime mit verwackelter Handkamera, erkunden einfallsreich die Kluft zwischen Selbst- und Fremdbetrachtung.

Das Genre des «Mockumentary», wie sie es nennen, bezeichnet einen fiktionalen Dokumentarfilm, der wiederum den echten parodiert (von engl. to mock, vortäuschen, verspotten). Zwei ebenso unschuldig wie verschmitzt vorgetragene Thesen finden sich darin: 1. Die Schweiz hat ein Imageproblem! 2. Wir lösen es nur, wenn wir uns bei den schlecht behandelten Ausländern entschuldigen! Mit diesem Suchbild machen sie sich auf quer durch die putzige «Suisse Miniature» nach dem unbekannten, schuldeinsichtigen Schweizer mit einem weltoffenen Wesen.

Schweizer Identitätskrisen

Nun hat jede gelungene Satire ihre ernste Seite. Die Krise der Schweiz, ihr Rollen-verlust als «Sonderfall» hat ihre Vorgeschichte. Man kann ihren Beginn, den Riss durch die unfassbare Volksseele schon in der Abstimmungsschlacht 1992 um den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum verorten. Der Stadt-Land-Gegensatz spülte einen rabiaten Rechtspopulismus mit an die Schalthebel der Macht, der beim «Buurezmorge» (Bauernfrühstück) Blut und Boden zu Postkarten schönt und Ausländer als bedrohlich verachtet. Womit sich die Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung weiter vertieft. Die Geschichtsklitterung zum Mythos einer angeblich neutralen Schweiz blieb 1991 beim «Kulturboykott» – dem Abseitsstehen der intellektuellen Elite zum 700-jährigen Jubiläum seit Staatsgründung – noch ein Diskurs fernab von Bierflaschen. Ebenso wenig nagten 1995 Selbstzweifel an der «Diamantfeier», 50 Jahre nach dem Krieg, als ein letztes Fahnenschwingen für die Aktivdienstgeneration.

Hat sich das Selbstbild seither verändert, ist die Identitätskrise der Schweiz im Bewusstsein ihrer Mehrheit angekommen? Ist das Phänomen der wieder zurückgebundenen Rechten deren Trotzen gegen den Zeitlauf anstelle echter Trauerarbeit? – Man kann es auch gegensätzlich sehen: Je mehr verdrängte Zweifel, umso mehr sollen Pathos und Brimborium solche verdecken. Da hinein wirkte, was der Künstler Ben Vautier 1992 in den Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Sevilla schrieb, wie eine Bombe: «La Suisse n’existe pas.» Er benannte die Furcht keiner eigenen Identität!

Mit der offiziellen Revision der Schweizer Geschichte des 2. Weltkriegs durch den Bergier-Bericht (2002) bröckelten weitere Steine von Mutter Helvetia als Statue mit der Lanze für die Freiheit und Lebenslüge ihrer Neutralität. Auch die St. Galler Behörden rehabilitierten den geächteten Polizeibeamten Paul Grüninger, der 1939 noch 3600 Juden vor dem Tod rettete, erst 1998. Im selben Jahr mussten die Schweizer Banken 1,25 Milliarden Dollar Entschädigung für durch sie willkürlich beschlagnahmte Vermögen an den jüdischen Weltkongress zahlen. Ein Pakt mit dem Apartheidregime in Südafrika blieb dagegen folgenlos.

Doch zeigt die sich überstürzende Kette negativer Ereignisse der letzten Jahre, die Schweiz hat inzwischen ein massives Imageproblem: Sie gilt ebenso als Oase für Steuerflüchtige, wie als Tresor für Blutgeld von Diktatoren. Das Bankgeheimnis als Geschäftsmodell der Hehlerei steht weltweit am Pranger. Dennoch tätigen Schweizer Multis wie Nestlé und Glencore weiterhin zweifelhafte Geschäfte. Warum versagt die Corporate Governance? Warum geben Offizielle immer erst zu, was bewiesen ist?

Kritik am Schweigen der Lämmer – und ein versöhnlicher Schluss

Das Konzept der Schweizer Neutralität als Schweigen zum Unrecht geht nicht mehr auf, ihr Abseitsstehen im Wohlstand vor der unheilen Welt macht längst mitschuldig. Das Schweigen der Lämmer ist auch eines der Wölfe. Wie kommt es, dass in einem Rechtsstaat auf freie Meinungsäusserung selbst die Mitarbeiter des Filmfestivals von Locarno auf die Frage nach ihrem Lohn keine Antwort geben? Welche Tabus und Imageprobleme wirken trotz aller Aufklärung im Geist der Freiheit immer noch nach?

Auf ihrer seismografischen Reise durch die Alpendemokratie nach dem Zustand der Volksseele – am Wendepunkt der Schweiz als privilegierter Kleinstaat in die Ungunst ihrer Nachbarn – findet das gewitzte und witzige Autorenduo Baumann / Pfiffner einen utopisch versöhnlichen und bildstarken Schluss: Auf einer Insel im Bergsee zur Selbsterkenntnis trotzt erotisch wehrhaft «Helvetia», dem Anschein nach eine Seconda mit frischen Immigrantengenen, mit der Lanze der Freiheit dem Wind eines Helis als Sinnbild wirtschaftlichen und technischen Fortschritts: Bien sur, les Suisses existent! «Image Problem» hat den satirischen Drive zum neuen Publikumsrenner der Akte «CH».

Auf YouTube gibt es den Trailer zu «Image Problem», CH 2012.

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