Tanz nach Modell

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Flugzirkus der Roboter
Wo: Institut für Dynamische Systeme und Regelungstechnik
Wann: 27.11.2012
Bereiche: Bildende Kunst, Digitale Medien, Performance

Der Autor

Gabriel Flückiger: Gabriel Flückiger (geb. 1988) studierte Kunstgeschichte und Ethnologie.

Die Kritik

Lektorat: Patricia Schmidt.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben vom Migros-Kulturprozent (siehe Unabhängigkeit).

Von Gabriel Flückiger, 28.11.2012

«Bei uns geht es hauptsächlich um Algorithmen.» Markus Weibel, Mitarbeiter am Institut für Dynamische Systeme und Reglungstechnik (IDSR) der ETH Zürich macht es zu Beginn der Führung klar: Das, was uns Laien fasziniert – die synchron schwirrenden Quadrokopter oder der Balancing Cube – sind für die Technikingenieure nur so etwas wie eine Plattform. Mit den Roboterflug-Objekten, -Armen oder -Würfeln zeigen sie, was sie mit ihren abstrakten Modellen errechnen und in digitale Impulse übersetzen können. Der vom Migros-Kulturprozent im Rahmen vor Veranstaltungsreihe Digital Brainstorming organisierte «Flugzirkus» ist also weniger Spektakel als vielmehr Resultat von Programmieroperationen. Spielerisch bleibt es allemal.

«Balancieren Sie mal mit geschlossenen Augen auf einem Bein»

Grundsätzlich arbeiten die vorgestellten Projekte des IDSR an scheinbar simplen Handlungsschritten. Wären die Roboterteile Menschen, so besuchten sie teilweise noch nicht mal den Kindergarten. Einfachste Koordinationsübungen stehen auf dem Programm; Geschicklichkeit muss erarbeitet und Reaktion erprobt werden.

Der sternförmige «Balancing Cube», während der Doktorarbeit von Sebastian Trimpe entwickelt, versucht beispielsweise eigenständig auf einer Ecke zu balancieren. «Das Prinzip funktioniert ähnlich wie wenn wir selber aufrecht auf einem Bein stehen wollen», so Trimpe. Was unser Innenohr-Apparat erledigt, macht der «Cube» mittels technischer Sensoren, die auf Beschleunigungs- sowie Gravitationsveränderungen reagieren und die relative Position zur Erdanziehungskraft errechnen. Sechs rotierende pendelartige Arme verschieben den Würfel dann jeweils wieder ins Gleichgewicht und korrigieren das demonstrative Rütteln durch den Forscher. Still steht der Cube nie und wackelig sieht es auch aus – doch das sei bei uns Menschen ja nicht anders, kontert Trimpe.

Pädagogik der Technik

Der Forschende gleicht dabei einem Pädagogen der Technik. Der Roboterarm lernt durch ihn, wie er eine Schranktür öffnen soll, oder den Quadrokoptern – Helikopter mit vier Rotoren – wird über Funk beigebracht einen Ball mit einem Netz aufzuwerfen und wieder zu fangen. Dabei gilt der Grundsatz, dass der Forscher Modell-Situationen programmiert und der Roboter ein Repertoire von Reaktionen speichert oder per Befehl übermittelt bekommt – immer in Abgleichung mit konkreten Messdaten. Der Roboterarm wird die Schwenktür also nicht schnurstracks nach hinten ziehen und im schlechtesten Fall ausreissen, sondern seine Sensoren merken aufgrund des Widerstandes, dass auf das Modell ‚bogenförmige Bewegung’ zugegriffen werden muss. Wie bei einem Rezept wird alles aufeinander abgestimmt: Grundlagenforschung, die sich – in der Expertensprache – störungsfreien und stabilen Systemen widmet.

Zum Abschluss der Führung tanzen dann vier Quadrkopter zu Jack Johnsons Gitarrensound. Auch diese Saltos und schwungvollen Sinkflüge sind programmiert und werden durch Infrarot-Kameras überwacht und abgeglichen. Hübsch-niedlich diese Dinger, wie Kleinkinder eben. Mögen sie noch lange nicht in die Pubertät kommen.

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