Wo führt das hin?

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Die neue Schweizer Welle - Läbe ohni Dütschi
Wo: Theater Stok
Wann: 02.03.2012
Bereich: Theater

Der Autor

Christian Felix: Jahrgang 1960, arbeitet seit 2004 selbstständig als Drehbuchautor. Daneben schreibt er Reden, Buchkritiken, Zeitungs-/Magazinartikel, sowie Editorials (www.christianfelix.ch)

Die Kritik

Lektorat: Moritz Weber.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Hochschule der Künste (siehe Unabhängigkeit).

Von Christian Felix, 5.3.2012

Es gibt seit jeher Menschen, die von einer deutschsprachigen Provinz in eine andere ziehen, von Mecklenburg nach Bayern, von Sachsen oder Württemberg in die Deutschschweiz. Es wäre schlicht lächerlich, darin ein Problem zu sehen. Demzufolge verspricht ein Stück mit dem Titel «Läbe ohni Dütschi» einen heiteren Theaterabend, zumal kleine fiese Mentalitäts- und Dialektunterschiede den Witz geradezu herausfordern. Und in der Tat: Der Auftakt des Stücks bedient diese Erwartung. Aber eben nur der Auftakt:

Zu Beginn das Gaudi

Ein Deutscher macht Kaderausbildung, zeigt den angehenden Schweizer Führungskräften, wie man Untergebene in die Mangel nimmt. Es geht schief! Die betroffene Untergebene weiss sich zu wehren und plaudert die schmutzigen Bettgeschichten der Chefs aus – zum Gaudi des Publikums. Doch schon im Anschluss daran, in einem militärisch aufgezogenen Schweizerdeutschkurs, kommt eisige Kälte auf, genauso wie im Zusammentreffen einer deutschen Pflegefachfrau und einer Schweizerin im Alterheim. Wohin läuft dieses Stück? Dieser Satz fällt auch im Stück: Wo führt das hin?

Nach langwierigen Szenen, die um Geschichte und Herkunft des «Schweizervolks» kreisen, erinnert man sich nicht mehr daran, je einmal gelacht zu haben. Das ist gewollt, wie ein Abstecher in die Meta-Ebene zeigt. Und nun geht’s an den Speck: Die vier Schauspieler auf der Bühne entwerfen eine fremdenfeindliche Utopie. Nicht nur die Deutschen werden aus dem Land geekelt, sondern auch die Bewohner der lateinischen Schweiz (Die «Griechen der Schweiz») – worauf der Westschweizer Tontechniker prompt das Theater verlässt. Als Zuschauer wäre man ihm an dieser Stelle besser gefolgt.

Der Albtraum

Denn nun sind sie unter sich, diese echten Schweizer. Sie gründen eine Partei, die NSIP (Neue Schweizer Identitäts-Partei), und führen dem Publikum einen Nationalsozialismus – oder besser Nationalökologismus – Schweizer Prägung vor, einen «Faschswissmus», sozusagen. Es wird einem speiübel dabei. Klar, man merkt wohl die Ironie hinter dem Spiel. Nur ist das Schauspiel der beiden Frauen für diese gewagte Konstruktion zu wenig präzis. Es gelingt ihnen in diesen Szenen nicht, in eine identifizierbare Rolle zu schlüpfen. Sie scheinen sich eher selbst zu inszenieren. So wird man gezwungen, ständig den Verdacht zu verdrängen, sie seien von der gespielten Utopie sogar noch selbst fasziniert.

Wo führt das also hin? Die Schweiz wird zu einem KZ, in dem Zwangsarbeit und Folter an der Tagesordnung sind. Zum Schluss erklingt die Hymne der NSIP, herrlich entlarvend und doch entsetzlich. Das Publikum ist sichtlich verwirrt. Der Applaus bleibt dünn.

Zweck erfüllt

Ja, das Stück «Läbe ohni Dütschi» erreicht sein Ziel. Es schockt und warnt vor Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Bravo! Ausserdem bewundert man die grosse Kunstfertigkeit hinter diesen so wirksam widerlichen Texten, aus denen die beschriebene Utopie besteht. Applaus! Aber mir ist noch immer übel. Musste ich mir das antun? Nach all dem Horror, den Nationalismus und Faschismus im vergangenen Jahrhundert angerichtet haben? Muss ich das gedanklich für mein Land und für meine Stadt durchspielen? Ich finde, nein.

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