Schmerzfreies Intrigenspiel

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Das Glas Wasser
Wo: Schauspielhaus Zürich
Wann: 05.05.2012 bis 01.07.2012
Bereich: Theater

Die Autorin

Valérie Wacker: Jahrgang 1983. Pflegt Mikro-Teile des World Wide Web und ihren Kontakt zur realen Welt. Studiert an der ZHdK im Master Art Education, Vertiefung publizieren & vermitteln und davor an der ZHaW Journalismus und Kommunikation.

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Mentorats zur spezialisierten Publikationspraxis im Master-Studiengang publizieren & vermitteln entstanden.

Von Valérie Wacker, 8.5.2012

Es ist kein stilles Glas Wasser, das Werner Düggelin an der Premiere im Pfauen serviert. Prickelnde Dialoge à la française sorgen für gute Unterhaltung und für einige Lacher. Die Figuren in «Das Glas Wasser» nehmen das Intrigenspiel aber ein bisschen gar sportlich. Heraus kommt ein Lustspiel ohne Kehrseite und ohne Abgründe. Ein Lustspiel, dem etwas fehlt.

Lord Bolingbroke (Markus Scheumann) und seine Gegenspielerin Herzogin von Marlborough (Friederike Wagner) liefern sich am Ende des ersten Akts ein Duell. Sie gehen schweigend nebeneinander, dem Publikum den Rücken zugewandt, gebührenden Abstand wahrend. Er will Frieden und einen Premierposten, sie den Krieg, der den Reichtum ihres Mannes, des Oberbefehlshabers der britischen Truppen, sichert. Sie haben keine Zeit verloren und sich schon wenige Minuten nach Spielbeginn gegenseitig erpresst und offen gedroht. Am hinteren Bühnenrand angelangt drehen sie sich um. Er angriffslustig und breitbeinig, ein Cowboy im Anzug. Sie lauernd, die Beine im schwarzen Pfauenfeder-Print-Jupe zusammengepresst. Es knistert. Sie ergreift das Wort als erste und verliert damit die erste Runde. Er ist es, der bis zum Schluss den kühlsten Kopf bewahren wird.

Eloquenter Schlagabtausch

Es sind starke Bilder, die der Regisseur Düggelin ins schlichte Bühnenbild (Raimund Bauer) setzt. 1840 wurde «Das Glas Wasser» von Eugène Scribe in Paris uraufgeführt. Noch heute spielt die Comédie Française die Stücke ihrer Autoren im Original. Das Publikum ist dort in der Regel von Bühnenbild und historischen Kostümen beeindruckt, von Erzählstruktur und Spannungsbogen aber eher strapaziert. Im Schauspielhaus Zürich ist es an diesem Abend gerade umgekehrt, denn Düggelin inszeniert im dezenten Rahmen eine schnelle, dichte Fassung des Lustspiels. Nach 70 Minuten ist alles vorbei, wenn ein Glas Wasser die Weltgeschichte beeinflusst und zusammengeführt hat, was zusammen gehört.

Dieses Stück wird von Intrigen zusammengehalten, die schon im historischen Stoff angelegt sind. Die reale Königin Anne zum Beispiel hatte bei der Entmachtung ihres Vaters geholfen. Sie selbst konnte keinen Thronfolger gebären, Fehlgeburt reihte sich an Fehlgeburt. Nur fünf Kinder (von geschätzten 18) kamen lebend zur Welt, nur eines erreichte das Alter von elf Jahren. Königin Anne war die letzte Stuart auf dem Thron. Eine tragische Figur.

Imogen Kogge, die an diesem Abend als Königin auf der Bühne steht, merkt man von diesen Abgründen nichts an. Die Königin will zwar Frieden, langweilt sich aber bei den politischen Geschäften. Stattdessen baut sie lieber Luftschlösser. Zusammen mit der Hofdame Abigail (Franziska Machens) gibt sie sich Träumereien von der grossen Liebe hin. Ohne zu wissen, dass beider Sehnsüchte auf den gleichen Mann zielen. Und noch eine Dame hat ein Auge auf den jungen Offizier Arthur Masham (Jan Bluthardt) geworfen: Die Herzogin von Marlborough, die enge Vertraute der Königin.

«Quel changement dans la politique de la reine!»

So tritt die Politik im Stück immer mehr in den Hintergrund, die privaten Beweggründe dafür ganz in den Vordergrund. Die Kadenz der Auf- und Abgänge durch die beiden Drehtüren an den Bühnenseiten nimmt zu. Geheime Botschaften und Briefchen machen die Runde. Die Königin wechselt ihre Meinung jeweils mit der Person, die ihr gerade Gesellschaft leistet: Ein Blatt im Wind. Und nicht nur das. Neben ihrer Willenlosigkeit leidet die Regentin auch noch unter einem besonders schlechten Gedächtnis. Obwohl sie immer wieder Lichtblicke hat und erkennt, wie sehr die vermeintliche Freundin Marlborough und Erzfeind Bolingbroke sie benutzen: Auf den Tisch haut sie trotzdem nie.

«Les jeux sont faits», heisst es zum Schluss. Die Bonmots aus der Originalsprache haben sich in die Fassung gerettet. Und mit ihnen etwas, das vielleicht übermenschliche Contenance sein soll. Die quirlig, quenglig, quietschende Abigail und ihr Geliebter Masham, beide in Pastelltönen, begreifen keine Sekunde, wie sehr sie Spielbälle der Mächtigen sind. Lord Bolingbroke und Herzogin Marlbrough legen ein unmenschliches Fairplay an den Tag. Keine der Figuren fällt je aus dem Rahmen, nie verliert jemand seine Souveränität, seine Eloquenz, seine Nonchalance. Die Dialoge bleiben bis zum Schluss spritzig, die Figuren werden dadurch aber schal.

Wenn französische Kinder nach einem Glas Mineralwasser verlangen, fragen sie nach dem «eau qui pique», ein Wasser, das prickelt, piekt, ein bisschen weh tut in der Kehle. Und so muss auch ein Intrigenspiel sein: Es muss ein bisschen wehtun – den Figuren und damit auch dem Zuschauer. Im Zürcher Schauspielhaus war dem Zuschauer an diesem Abend egal, wer gewinnt. Das lag nicht daran, dass er den Ausgang des Klassikers bereits kannte, sondern daran, dass ihm hier nur ein Blick auf die Fassade geboten wurde (auch ganz konkret auf die Fototapete mit Garten und Schloss im Hintergrund der Bühne). Diese Aussenansichten sind die Regel, im Theater würde man aber gerne die Ausnahme erleben und tiefer blicken. Mehr Kohlensäure in dieses Glas Wasser, bitte!

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