Bedingungslos? Glücklich!

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Youtopia. Das Theater der Wünsche
Wo: Theater der Künste
Wann: 11.10.2012 bis 13.10.2012
Bereich: Theater

Der Autor

Dominik Wolfinger: Dominik Wolfinger ist geboren und aufgewachsen im Fürstentum Liechtenstein. Nach der Sekundarschule schloss er eine Lehre als Chemielaborant ab. Seit 2010 studiert er an der Zürcher Hochschule der Künste Dramaturgie.

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Hochschule der Künste (siehe Unabhängigkeit).

Von Dominik Wolfinger, 4.11.2012

Wer kennt nicht die Erfahrung: Man sitzt während zwei Stunden auf einem unbequemen Stuhl, ist umgeben von unbekannten Gesichtern und schaut einem mittelmässigen bis langweiligen Schauspiel zu? In «Youtopia. Das Theater der Wünsche» kann das nicht passieren. «Youtopia» behandelt das Publikum als geladene Freunde und erarbeitet gemeinsam mit ihm die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen.

Einlass einmal anders

Ein Bankett erwartet das neugierige Publikum und stellt dieses vor die erste Aufgabe: sich zu entscheiden, ob man Salat, Couscous oder doch Apfelkuchen vorzieht. Als jede und jeder seine Wahl getroffen und einen Platz am Bankett-Tisch gefunden hat, servieren die Schauspieler Wein zum Essen. Einen derart herzlichen und angenehmen Beginn eines Theaterabends hat der Autor noch nie erlebt. Als auch der letzte Gast – denn Zuschauer wäre das falsche Wort – bedient ist und sich zufrieden zurück lehnt, wird in höflicher Manier nochmals offiziell begrüsst: «Willkommen in Youtopia!»

Nun geht es zur Sache. Sechs Schauspieler stellen sich in einer Box – einem Puppenspiel gleichend – als Figuren aus Anton Tschechows «Drei Schwestern» vor. Ein amüsantes Spiel aus Sprache und «beinlosen» Körpern beginnt, welches aber direkt in die Thematik des Abends führt. Denn bald wird klar, dass die Figuren von tiefgründigen Fragen bewegt werden: Was ist Glück und wie wird man glücklich?

Ein Abend der Utopien

«Youtopia» ist, das dürfte dem Zuschauer (und der Leserin) längst klar geworden sein, nicht das gewohnte Frontaltheater. Eher schon kommt es dem «dialektischen Theater» Bertolt Brechts nahe, denn nun werden auch die geladenen Gäste gebeten oder genötigt, sich im Verlauf des Abends mit der Frage nach dem Glück aktiv auseinanderzusetzen. So werden aufgrund der Menü-Wahl drei Gruppen im Publikum gebildet. Jede Gruppe besucht nun nacheinander zwei Stationen in Form von kreativen Werkstätten: im «Glückslabor» wird das eigene Glück analysiert und im «Knete-Spiel» werden verschiedene Berufsrealitäten (und die entsprechende Lohnsituation) hautnah erlebt.

Katharina Cromme, Regisseurin und Abgängerin der Zürcher Hochschule der Künste, hat mit ihrem Team einen Abend geschaffen, der viel Freude bereitet und spielerisch das Publikum mehrere Wege gehen lässt, um zu ermitteln, was denn Glück bedeuten und wie man eine Gesellschaft schaffen könnte, in welcher jeder seine persönliche Erfüllung findet.

Das Labor zur Volksinitiative

Inspirieren liess sich die Truppe von der kürzlich lancierten Volksinitiative «Bedingungsloses Grundeinkommen für alle». Sie machen aus dem Theater ein zum Labor, in dem Fiktion und Realität sich vermischen und an neuen Gesellschaftsentwürfen getüftelt werden darf. Als ein solcher Entwurf spielt das bedingungslose Grundeinkommen eine besondere Rolle. Es wird im «Knete-Spiel» als Option eingeführt, erklärt und «erlebt»: Es sichert allen Mitspielern, unabhängig von ihrer gerade ausgeübten Tätigkeit, einen Basislohn, und sie dürfen damit Häuser und Träume bauen. Erlebbar wird dadurch die Rolle des Einkommens in unserer Gesellschaft, das nebenbei auch Unmut weckt und (unerreichbare) Träume entstehen lässt.

Gerade hier zeigt sich die Vielschichtigkeit und Originalität des Abends besonders deutlich. Und die Theaterschaffenden sind, so das Credo auf der eigenen Website, überzeugt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – und wenn es denn ein Holzweg ist. Denn ob das bedingungslose Grundeinkommen eine echte Lösung bietet, darf und muss jeder Gast für sich selbst entscheiden. Ganz im Sinne des dialektischen Theater Bertolt Brechts.

Weiterlesen: