Uncertainty Is a Good Thing

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Anna Mendelssohn: «Cry Me A River»
Wo: Theaterhaus Gessnerallee
Wann: 07.02.2012
Bereich: Performance

Der Autor

Christian Felix: Jahrgang 1960, arbeitet seit 2004 selbstständig als Drehbuchautor. Daneben schreibt er Reden, Buchkritiken, Zeitungs-/Magazinartikel, sowie Editorials (www.christianfelix.ch)

Die Kritik

Lektorat: Lukas Meyer.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Theaterhaus Gessnerallee (siehe Unabhängigkeit).

Von Christian Felix, 8.2.2012

«Cry Me a River», das Stück von Anna Mendelssohn, ist der erste Teil einer Doppelperformance im Theaterhaus Gessnerallee. Beide Auftritte des Abends nehmen sich den Zustand der Menschheit zu Herzen. Bei Anna Mendelssohn führt das zu Tränen. 

Ein langer Konferenztisch, Getränke, Stühle. Eine «Klimakonferenz» ist angesagt. Doch am Tisch sitzt einzig eine Frau Mitte dreißig: Anna Mendelssohn. Verblüffend offen gibt sie zu, dass sie sich selbst das liebste Thema ist. Sie findet ihre Person viel spannender als Politik und Umwelt. So ist von Anfang an alle Gewissheit weg. Was meint Anna mit Klima? Eine meteorologische Erscheinung? Oder eher eine persönliche Stimmung?

Anna Mendelsohn zitiert wild durcheinander Aussagen zur Klimaveränderung. Zu hören sind extreme Positionen: Bis zum Ende unseres Jahrhunderts wird die Erderwärmung alles Leben auslöschen. Demgegenüber Ex-Präsident Bush im Jahr 2004, sinngemäß: Meine Wiederwahl ist der Beweis, dass die Klimaveränderung die Amerikaner nicht wahnsinnig beschäftigt. Und was die Amerikaner nicht beschäftigt, hat keine Bedeutung. Man traut seinen Ohren nicht. Anna berichtet von den Inuits: Das Eis schmilzt, und die Bewohner der Arktis müssen ihre Hunde töten, weil es immer weniger zu jagen gibt. Eine andere Stimme fragt kritisch: Wer ist denn auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet unser gegenwärtiges Klima das Beste für die Menschheit sei?

Tränen der Hoffnung

Die Grenzen zwischen solchen Zitaten und Annas eigenem Sprechen sind fließend. Annas Position zum Thema Klima wird dennoch deutlich: Sie weint. Sie weint in Strömen. Herzzerreißend. Aber nicht eigentlich wegen der Klimaveränderung und der Zerstörung unseres Planeten. Das ist zwar alles auch zum Heulen. Doch Anna weint über sich selbst. Sie weint sich bei einem Psychotherapeuten aus, vergießt Tränen über ihren starren Lebensplan (Kinder bis 40, Karriere bis 50, Großkinder bis 75), der notwendigerweise scheitert, sei es wegen massiver Veränderungen in der Welt – oder einfach so. Außen ist Klimaerwärmung, im Herzen droht Eiszeit.

Anna spricht aber auch von Hoffnung. Sie sagt, dass jeder Mensch ein Faktor ist, der etwas verändert, allein dadurch, dass er oder sie da ist. Sollten die Individuen die Macht ihrer puren Existenz vereinen, wäre das eine Revolution. Eine Revolution, an deren Ausgang ein Leben im Einklang mit der Natur stände. Und so wird auf einen Schlag die Klimaveränderung zum Segen. Sie schenkt der verlorenen Anna eine Lebensaufgabe und damit einen Sinn des Daseins. So könnte man die Aussagen von Anna Mendelssohn vereinfacht wiedergeben.

Beeindruckender Auftritt

Annas Montage indes ist komplexer. Viele Bezüge bleiben hier unerwähnt, zumal die Schauspielerin nicht nur ihre Stimme, sondern auch Musik, Tanz und Maske einsetzt. Auf kognitiver Ebene ergibt sich eine wohltuende Mehrdeutigkeit. Anna Mendelssohn gibt uns nicht vor, was wir über die Klimaveränderung zu denken haben. Sie macht keine Propaganda. Sie macht Kunst. Und sie überzeugt damit. Ihre Performance fesselt, ihrem Schauspiel sieht man gerne zu. Sie erreicht damit einen mächtigen Gefühlseindruck. In diesem Punkt ist die Wirkung ihres Auftritts eindeutig und klar.

Die Kritik von Dominik Wolfinger zum zweiten Teil des Abends kann man hier lesen

Weiterlesen: