Experimentelle Reizinvasion

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Alles ist Wunderland
Wo: Casinotheater Winterthur
Wann: 04.05.2012 bis 26.05.2012
Bereiche: Literatur, Musik, Tanz, Theater

Die Autorin

Dania Sulzer: In Winti geboren, dort ausgegoren. Kulturinteressiert und sprachversiert. Die Uni liess ich hinter mir, die ZHdK ist nun mein Revier. Schreiben und gelesen werden, dafür würd ich - nein nicht gerade - sterben. Freude machen Stift und Blatt, ich bin ein kleiner Nimmersatt.

Die Kritik

Zu dieser Veranstaltung wurde eine weitere Kritik verfasst.
Lektorat: Stefan Schöbi.
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Mentorats zur spezialisierten Publikationspraxis im Master-Studiengang publizieren & vermitteln entstanden.

Von Dania Sulzer, 8.5.2012

Clownnasen zieren die Statuen links und rechts vom Bühnenrand im Theatersaal des Casinotheaters Winterthur. Um sie herum hängt eine bunte Lichterkette, die während des Stücks kein einziges Mal zum Leuchten gebracht wird. Selbstbewusst wird die Bühne und das Drumherum von sechs Künstlern annektiert, die, einmal abgesehen von der erloschenen Lichterkette, offensichtlich keinerlei Art von Reizüberflutung fürchten.

Die Bühne ist nämlich komplett vollgestellt. Eine altmodische Schrankwand, ein weisses Sofa in der Mitte, Tische mit Mischpult und einem Wirrwarr an Kabeln, Lampenschirme in verschiedenen Farben und Grössen. Und Puppen: Schaufensterpuppen und Mädchenspielzeug, mit Perücken, Mützen oder keines von beidem. Ein beiges Barbie-Pferd dort, ein riesiger, leicht schmutziger Plüschelefant hier. Er trägt rosa Unterhosen.

Eine Reihe von Einzelauftritten

Auf dem Sofa sitzen jene sechs Menschen, welche für das Chaos auf der Bühne verantwortlich sind. Die Slam-Poeten Theresa Hahl und Nico Semsrott, Clown Hacki Ginda, der Berner Rapper Knackeboul, der Musiker Ludwig Berger und Irina Dubach, die sehr stille Tänzerin. Unter der Regie von Daniel Wahl haben sie sich eingefunden, um eine bunte Collage rund ums Thema des Erwachsenwerdens zu gestalten, oder, mit den Worten des Regisseurs, um ein «Theater-Konzert-Party-Talk 1,2,3,-Show-Gruselkabinett zum Thema Jugend» zusammen zu zimmern.

Hierzu macht jeder der Protagonisten ganz einfach das, was er oder sie am besten kann. Theresa Hahl rezitiert feinfühlige und sprachlich sehr präzise Texte, welche durch die Aufrichtigkeit, mit welcher sie vorgetragen werden, berühren. Nico Semsrott, der dauerhaft Depressive im schwarzen Kapuzenpulli, liest seine düster sarkastischen Weisheiten ab Blatt, mit einer Stimme, die an Gleichgültigkeit kaum zu übertreffen ist. Währenddessen unterlegen Ludwig Berger und Knackeboul die Texte der anderen Protagonisten mit elektronischer Musik und leisem Beatboxen. Sie toben sich an technischen Geräten wie Kameras, Turntables und Computern aus. Gleichzeitig läuft im Hintergrund ein Film aus einem Gruselkabinett mit sich motorisch bewegenden Schaufensterpuppen.

Ist dieses Stück zum Lachen konzipiert? Ja und Nein. Ja, wenn man an die Kunststücke und Witze der Ulknudel Hacki oder die tragische Komik von Semstrotts Deprosprüchen denkt. Nein, wenn Knackeboul von seiner schweren Jugend ohne Vater rappt, wenn Theresa Hahl bedauert, dass ihr Bruder zum Anzugs- und Zahlenmenschen verkommen ist. Die vereinzelten Tanzeinlagen Irina Dubachs wirken stürmisch und empört. Und düster sind viele der bearbeiteten Themen. Es geht um verratene Träume, um vergessene Freuden. Semsrott fragt enttäuscht: «Was ist mit einer Gesellschaft los, in welcher der Ausdruck ‚Sich das Leben nehmen’ etwas Negatives bedeutet?»

Die Künstler scheinen der Jugend bereits entwachsen, aber noch nirgends angekommen zu sein. Sie sind einsam, obwohl nie alleine auf der Bühne. Jeder denkt, spricht und philosophiert für sich, Interaktion geschieht dann, wenn einer den anderen durch Worte oder Gesten stört. Es sind individuelle Auftritte, lose verbunden durch Tanzeinlagen oder gemeinsame Songs, für welche sich alle dieselben, grauen Perücken auf den Kopf setzen. Die Darsteller sorgen kontinuierlich für Action und schlagen in der Abfolge visueller und akustischer Eindrücke ein immenses Tempo an. Slam-Poetin Theresa Hahl sagt passend dazu einmal: «Wir sollten irgendetwas tun, sonst erleben wir nichts». Und dann, kurz nach der Pause reicht es Nico Semsrott: «Ich habe keinen Bock mehr, was vorzutragen. Voll die unkritische Show hier, ich steig aus».

Ein Moment der Erkenntnis

Ab diesem Moment der Verweigerung kommt Interaktion in die Sache. Theresa Hahl verteidigt beleidigt ihre Texte und Ansichten, Hacki ist dieser Disput vor Publikum peinlich. Plötzlich beginnen alle, miteinander zu sprechen, ungezwungen und spontan wirkt die kurze Diskussion über den Sinn eines solchen Theaters. Ein raffinierter Verfremdungseffekt? Sicher ein geeigneter Regietrick, der den Zuschauer aufweckt und ihm gleichzeitig eine Denkrichtung vorschlägt und die Eindrücke etwas zu ordnen vermag: Alles ist Wunderland, Wunderland ist überall dort, wo wir es entdecken. Wunderland lebt von der Spontanität junger Künstler, von Mützen, Perücken und Sonnenbrillen. Wunderland ist die sowohl die klassische Tanzeinlage im Tutu, aber auch das mit dem iPhone aufgezeichnete Video des Publikums, live, auf Facebook gepostet.

Wenn Poetry-Slam-Theater einen neue Gattung ist, dann funktioniert sie wohl so. Sie braucht keinen roten Faden, keine Dramaturgie, keine Handlung, keinen Dialog. Da können dann auch plötzlich fünf schwarz maskierte Männer die Bühne stürmen und auf die Leinwand hinter der Bühne die Worte sprayen: «NIMM dir das Leben». Im positiven Sinne.

Und wenn nicht? Dann ist «Alles ist Wunderland» einfach ein chaotisches, unterhaltsames und ausbaufähiges Experiment.

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