Ästhetik und/oder Authentizität

Die Veranstaltung

Was: Symposium Ästhetik versus Authentizität
Wo: Zürcher Hochschule der Künste, Vortragssaal
Wann: 24.05.2011 bis 25.05.2011
Bereiche: Bildende Kunst, Performance, Theater

Der Autor

Lukas Meyer: Jahrgang 1983, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur und arbeitet als freier Journalist und Texter in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Hochschule der Künste (siehe Unabhängigkeit).

Von Lukas Meyer, 1.6.2011

«Wie ist es möglich, dass Schauspieler so beängstigend echt wirken?» So beendete ein Filmkritiker im letzten ‹Züritipp› eine Rezension. Unter anderem diese Frage wurde am Symposium «Ästhetik versus Authentizität. Reflexionen über die Darstellung von und mit Behinderung» von verschiedenen Seiten beleuchtet. Kann Schauspiel – das meist mit Verstellung einhergeht – überhaupt authentisch sein? Stehen ästhetische Vorgaben und der Drang nach authentischer Abbildung der Wirklichkeit in Konkurrenz oder in Ergänzung? Wie steht es mit den speziellen Fällen des Theaters mit Laien und mit Menschen mit Behinderung?

Wenn man sich eines solchen Themas annehme, könne man nur scheitern, erklärte Organisator Imanuel Schipper in seiner Eröffnung; doch wolle man immerhin grandios scheitern. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen und Migros-Kulturprozent unterstützen die Tagung. Um die «Erweiterung normativer Grenzen» gehe es, erklärte Kulturprozent-Chefin Hedy Graber in ihrer Begrüssung. Für einen guten Anfang war gesorgt: Die Sprachgrenzen wurden durch Simultanübersetzungen gänzlich aufgehoben – man konnte alle Beiträge auf Deutsch, Englisch oder Französisch verfolgen.

Ein weiter Bogen

Die Vorträge und Workshops schlugen den Bogen von den Möglichkeiten der Darsteller bis zu den Reaktionen der Zuschauer. Der Konflikt zwischen Ästhetik und Authentizität tauchte in verschiedensten Situationen auf, man begegnet ihm als Hochschullehrer und Theoretiker, als Theaterschaffender und Künstler, als Kunstrezipient und Zuschauer. Die Tagung wurde von Performances und Theateraufführungen begleitet, wobei die Künstler ebenfalls in die Diskussionen involviert wurden.

In den letzten Jahren fanden im deutschsprachigen Raum immer mehr nicht-professionelle Darsteller auf die Bühne. Doch ist das authentischer als die meisterhafte Verstellung und Nachahmung der Wirklichkeit, die der Bühnenprofi vollzieht? Frank Raddatz und Bruce Henderson führten Beispiele aus München und New York an, die auf kritische Resonanz stiessen. Viele Zuschauer monierten, das sei blosse Dokumentation und kein richtiges Theater, wenn Depressive oder Todkranke sich selber spielten – und obendrein gefährlich für die Beteiligten.

Fragen und Anregungen

Vor ähnlichen Fragen steht man beim Theater mit Menschen mit Behinderungen. Hier sehen sich die Verantwortlichen vor ethische Probleme gestellt. Was kann man einem Darsteller mit Behinderung zumuten? Was darf man in der Darstellung der Rolle eines Behinderten? Können Nicht-Behinderte einen Behinderten spielen? Immer mehr gibt es Menschen mit Behinderung, die professionell Theater spielen. Nicht nur die Regisseure und Schauspieler, auch die Zuschauer sind gefordert, wenn sie mehr als Lächerlichkeit oder Mitleid empfinden wollen.

Gescheitert ist die Tagung sicher nicht. Viele Leute waren da und führten angeregte Diskussionen. Die geforderten «weiterführenden Visionen» blieben zwar rar, und auch die Begriffe wurden nicht genügend geklärt. Doch fanden die meisten Teilnehmer sicherlich Anregungen für die eigene Arbeit und für weitere Gedanken.

Ein detaillierter Rückblick kann bald auf www.integrart.ch abgerufen werden.

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