Von Königen und Kindern

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: She She Pop und ihre Väter: Testament
Wo: Theater Spektakel, Nord
Wann: 18.08.2011 bis 21.08.2011
Bereiche: Theater, Theater Spektakel 2011

Die Autorin

Elena Ibello: 1982 geboren, seit 2003 freie Journalistin. Im Master-Studium Art Education, publizieren&vermitteln, an der ZHdK.

Die Kritik

Lektorat: Fabienne Schmuki.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Theater Spektakel (siehe Unabhängigkeit).

Von Elena Ibello, 19.8.2011

Versuch einer Kritik als Gespräch.

Kanntest du «King Lear»?

Ich wusste, dass es ein Stück von Shakespeare ist. Ich musste aber auf Wikipedia nachschauen, worum es geht.

Erzähl’ mal.

Ich zitiere: «King Lear is a tragedy by William Shakespeare. It is considered to be one of his greatest plays. The title character descends into madness after foolishly disposing of his estate between two of his three daughters based on their flattery, bringing tragic consequences for all.» Es geht um das Verhältnis des Königs zu seinen Töchtern, um den Machtverlust eines alten Mannes.

Gut. She She Pop verwenden das als Folie, um ein allgemeines Thema zu verhandeln: Das Verhältnis zwischen den Generationen, das Vererben, den Generationswechsel.

Ja, und sie verhandeln diese Probleme ganz konkret mit ihren eigenen Vätern auf der Bühne. Was hat das noch mit Lear zu tun?

Sie haben aus Shakespeares Klassiker allgemeine Fragen herausdestilliert. Auf diesen Grundbaustein schichten sie persönliche und philosophische Geschichten und Gedanken…

…und diskutieren die dann mit ihren Vätern.

Ist das Selbstentblössung? Peinlich? Zu persönlich?

Selbstentblössung vielleicht. Aber das Thema geht alle an und sie besprechen es auf einer exemplarischen Ebene. Peinlich? Nein, manchmal hart an der Grenze. Doch genau das thematisieren She She Pop, unter anderem mit diesem Ausruf von Lear: «Ich will nicht schelten; Scham komme, wann sie will, ich ruf ihr nicht.» Nicht einmal in der Szene, in der die Jungen beginnen, ihre Alten auf der Bühne auszuziehen, kippt die Stimmung.

Wobei ich dort schon kurz den Atem angehalten habe. Insgesamt schaffen sie es aber, die Balance zu halten.

Und dies bei einer Problematik, die nicht leicht auszubalancieren ist. Die PerformerInnen suchen einen Weg, wie der Generationenwechsel gelingen kann. So, dass die Alten ihre Würde und die Kinder ihre Freiheit behalten können.

Es geht auch darum, dass die Väter Macht aufgeben müssen. «In jedem alten Mann steckt ein Lear», zitieren sie Goethe.

Jeder alte Mann kennt das Problem des Statusverlustes, darüber reden die Väter ganz offen. Sie wollen nicht abhängig werden, wenn sie mal bei ihren Töchtern einziehen müssen. Sie wollen gebraucht werden und den Werkzeugkasten mitbringen können.

Beide Seiten stellen ihre Forderungen. Auch harte Forderungen wie: «Wenn mein Vater zu mir zieht, muss er aufhören, nackt Trompete zu spielen.» – «Wo bleibt da eigentlich die Wärme zwischen den Generationen?», fragt sich der  Vater.

Dennoch finden die Generationen auf dieser Bühne einen Konsens und vollziehen den Generationenwechsel mit einem bildhaften Ritual: Zu einer Interpretation von Dolly Partons «Daddy’s working boots» tanzen die Väter einen hinreissenden Stiefel-Tanz.

Sowieso verweben She She Pop den Shakespeare-Stoff nicht nur mit ihren persönlichen Biographien, sondern auch mit Popsongs und Zitaten aus Brecht, Sophokles und anderen. Das wirkt aber nie aufdringlich, sondern immer passend. Manchmal kippt es ins Absurde, wenn zum Beispiel der eine Vater, promovierter Physiker, Lears Erbverteilungsproblem auf mathematische Weise lösen will und immer kompliziertere Formeln präsentiert.

Und zum Schluss die grosse Versöhnung….

…im Chor verzeihen sie einander – ohne allerdings zu vergessen.

Glaubst du dieser Harmonie?

Sie mag ein wenig kitschig sein. Doch nach allem, was sich die Generationen an den Kopf geworfen haben, wirkt auch die Versöhnung glaubhaft auf mich. Endlich hat mal jemand laut und deutlich darüber gesprochen, ohne Rücksicht auf Tabus.

Aus Shakespeares Tragödie ist ein Stück mit Happy End geworden – endlich hat jemand aus einer Geschichte gelernt!

Das Publikum reagierte auf jeden Fall mit einer verdienten Standing Ovation.

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