Geschichten der Trauer

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Sanja Mitrovic: A short history of crying
Wo: Theater Spektakel, Süd
Wann: 19.08.2011 bis 21.08.2011
Bereiche: Performance, Theater, Theater Spektakel 2011

Der Autor

Lukas Meyer: Jahrgang 1983, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur und arbeitet als freier Journalist und Texter in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Fabienne Schmuki.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Theater Spektakel (siehe Unabhängigkeit).

Von Lukas Meyer, 22.8.2011

Von Belgrad nach Amsterdam – diesen Weg ging Sanja Mitrovic vor zehn Jahren. Sie war nicht auf der Flucht, sondern auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und machte eine Theater-Ausbildung. Heute arbeitet sie als Theaterleiterin und Performerin in Amsterdam. Ihre Heimat Serbien hat sie aber nicht losgelassen.

In Holland bemerkte sie an sich und in der Öffentlichkeit einen Unterschied, was das Zeigen von Emotionen betrifft: Kaum einer weint öffentlich, und auch sie selber verlernte es sehr schnell. In Serbien war das anders gewesen. Darum begab sie sich auf eine Spurensuche, wovon sie dem Zuschauer berichtet: In ihrer alten Heimat fängt sie an, macht in ihrer neuen Heimat weiter, und endet mit einem Ausblick nach Amerika.

Auf der Suche

Der Zuschauer wird empfangen von ohrenbetäubendem Sirenenlärm und unscharfen Bildern von zerstörten Städten und weinenden Menschen. Einige halten sich die Ohren zu. Sanja Mitrovic beginnt ihren Reisebericht im südlichen Serbien, wo sie auf verschiedene Menschen trifft, die sich nicht ans Klischees vom emotionalen Balkan-Bewohner halten: Die Roma-Band weigert sich, traurige Musik zu spielen; die Frau, die an einem Grab Klagelieder singt, ist «eine Professionelle». Eine andere Frau singt mit grosser Freude traurige Lieder, seit 45 Jahren, analog dazu spielt auch Sanja Mitrovic mit grosser Freude ihr Stück über Trauer, das sie gerne mal ins Absurde oder Komische abdriften lässt. Die Freude am Dasein, aller Traurigkeit zum Trotz, wird betont: «In the end we’re all going to die, but right now we’re just happy that we’re here.»

In Holland fällt ihr auf, dass die Prinzessin bei ihrer Hochzeit weint, eine alte Frau auf der Strasse von der Polizei aber weggeführt wird, wenn sie weint. Die Leute zeigen öffentlich wenig Emotionen und reden auch nicht gerne darüber. In den USA ist das anders: Hier weinen öffentliche Personen wie Politiker und Prominente gerne in der Öffentlichkeit. Kommentarlos spricht sie Auszüge aus Reden von Barack Obama, Hillary Clinton und John McCain nach sowie Nicole Kidmans tränenreiche Dankesrede an der Oscar-Verleihung 2003.

Schwankend

Als «Stand-up Tragedy» will Sanja Mitrovic ihr Stück verstanden haben, obwohl das Gebotene wenig mit einer Tragödie im klassischen Sinne zu tun hat. Ihre aus verschiedenen Fragmenten zusammengesetzte Geschichte spielt mit Klischees und überraschenden Fundstücken. Sie ist mit vollem Einsatz dabei, hüpft in ihrem kurzen Kleid auf und ab, rennt auf der Bühne herum, spielt eine exzessive Trinkszene mit «Šiveli!», «Zum Wohl!» und «To you!»-Ausrufen, bis sie das Glas am eigenen Kopf zerschmettert. Nachdem sie sich alle beruhigt haben, bittet sie einen Zuschauer auf die Bühne, drückt ihm einen Besen in die Hand und lässt ihn die Scherben wegwischen.

Begleitet wird «A Short History of Crying»von Musik und Geräuschen, wobei die Sirenen zu Beginn das ohrenbetäubendste Element sind. Oft untermalt Sanja Mitrovic ihr Spiel und ihre Worte mit düsteren Electro-Beats, was eine schwere Stimmung schafft. Zur Auflockerung singt sie zusammen mit den Zuschauern das serbische Volkslied «Zivot je lep» («Das Leben ist schön»).

Die Wirkung auf den Zuschauer ist schwierig zu beschreiben. Man ist mitgenommen und ein wenig ratlos. Man macht sich seine Gedanken, wird aber nicht recht schlau daraus. Die Leistung von Sanja Mitrovic auf der Bühne ist ohne Zweifel eindrucksvoll. Eine Erklärung der Trauer kann und will sie nicht liefern.

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