Kampf um Würde

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Romeo Castellucci & Socìetas Raffaello Sanzio: Sul concetto di volto nel figlio di Dio
Wo: Theater Spektakel, Werft
Wann: 03.09.2011 bis 04.09.2011
Bereiche: Theater, Theater Spektakel 2011

Der Autor

Lukas Meyer: Jahrgang 1983, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur und arbeitet als freier Journalist und Texter in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Fabienne Schmuki.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Theater Spektakel (siehe Unabhängigkeit).

Von Lukas Meyer, 5.9.2011

Auf der ganz in weiss gehaltenen Spielfläche geschieht während einer Stunde nicht viel: Ein Sohn kümmert sich um seinen greisen Vater, der seine Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren kann. Von der einen Seite schaut das Publikum, von der anderen ein riesiges Ikonenbild von Jesus Christus.

Eine schwierige Situation

Der Sohn, in Anzug, weissem Hemd und Krawatte, will sich von seinem Vater verabschieden, der vor dem Fernseher sitzt. Doch da fängt der Vater an zu wimmern und undeutlich zu sprechen. Er hat in die Windeln gemacht. Der Sohn kehrt um, zieht das Jackett aus, und wechselt dem Vater die Windeln. Alles ist besudelt mit braunen Fäkalien: die weissen Windeln, das weisse Sofa, der weisse Boden. Der Vater entschuldigt sich in einem fort, der Sohn wehrt liebevoll ab: «Sei still, und hilf mir, dich sauberzumachen.»

Dies wiederholt sich zweimal. Kaum hat der Vater die neuen Windeln an, sind sie wieder voll. Das Publikum reagiert mit hilflosem Lachen und mit Ekel. Doch zu sehen, wie Vater und Sohn um ihre Würde kämpfen, ist sehr berührend und geht jeden etwas an – manch einer wird während des Stücks an seine Eltern oder Grosseltern gedacht haben oder sogar an sich selber in einem ähnlichen Zustand.

Es ist schwierig, natürlich. Auch Jesus schaut dem Treiben nur zu, sein Blick wirkt teilnahmslos. Zum Schluss, als der Vater in einer bräunlichen Pfütze steht, wird es dem Sohn zu viel, und er läuft hilfesuchend auf das Jesus-Bild zu. Mit Blitz und Donner geht das Stück zu Ende, die Bühne ist verdunkelt, alles Licht auf Jesus gerichtet, die Leinwand wird heruntergerrissen, es kommen die Worte «You are (not) my shepherd» zum Vorschein, wobei das negierende Wort sichtbar, aber nicht beleuchtet ist.

Rat- und Hilflosigkeit

Dieser Schluss lässt einen ratlos zurück. Der Titel des Stücks, «Sul concetto di volto nel figlio di Dio» («Über das Konzept des Gesichtes im Sohn Gottes») verweist nur auf dieses Bild, aber nicht auf die Handlung. Der Zusammenhang wird nicht klar ersichtlich.

Der Regisseur Romeo Castellucci und seine Gruppe «Socìetas Raffaello Sanzio» zeigen in expliziten Bildern Probleme des Alters, wie sie nicht nur die Alternden, die die Kontrolle über ihre Körper verlieren, sondern auch ihre Kinder, die sich um sie kümmern, betreffen. Von Bedürftigkeits-Pornographie bleibt er aber fern. Symptomatisch ist die Reaktion des Publikums, das im Verlauf des Stücks der Tragik zum Trotz immer häufiger lacht: Es ist ein Lachen aus Hilflosigkeit, aus der Unfähigkeit, mit einer solchen Situation – sei es auf der Bühne oder im realen Leben – umzugehen.

Eine Lösung bietet auch die Aufführung nicht. Vielleicht kann Jesus dem aufopfernden Sohn Kraft geben und ein Ideal der Barmherzigkeit mitgeben; so ginge die küchenpsychologische Deutung der Verbindung der Handlung mit dem beobachtenden Jesus.

Was She She Pop zu Beginn des Theater Spektakels sehr breit verhandelten, nämlich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern und die Stabsübergabe zwischen den Generationen, fokussiert Castellucci mit grosser Intensität auf ein Detail, nämlich auf den Moment, in dem sich das Verhältnis umgekehrt hat, und die Eltern von den Kindern betreut und gewickelt werden.

Weiterlesen: