Die groteske und langweilige Vergangenheit

kulturkritik.ch - Bildmaterial zur Verfügung gestellt

Die Veranstaltung

Was: Mariano Pensotti El pasado es un animal grotesco
Wo: Theater Spektakel, Nord
Wann: 23.08.2011 bis 25.08.2011
Bereiche: Theater, Theater Spektakel 2011

Der Autor

Lukas Meyer: Jahrgang 1983, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur und arbeitet als freier Journalist und Texter in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Elena Ibello.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Theater Spektakel (siehe Unabhängigkeit).

Von Lukas Meyer, 24.8.2011

Bei diesem Titel bleibt man hängen – «El pasado es un animal grotesco» ist übernommen von der amerikanischen Indie-Band Of Montreal, deren elfminütige Hymne «The past is a grotesque animal» 2007 auf der Platte «Hissing Fauna, Are You the Destroyer?» erschien. Das Lied erklingt zum Schluss, nach zwei langen Stunden, in denen der junge argentinische Regisseur Mariano Pensotti die Lebensgeschichte von vier Generationsgenossen in Buenos Aires von 1999 bis 2009 erzählt.

Auf der Drehbühne

Die vier Schauspieler (Pilar Gamboa, Javier Lorenzo, Juan Minujin, Julieta Vallina) übernehmen dabei nicht nur je eine Hauptrolle, sondern spielen auch eine Vielzahl von anderen Rollen. Die schnell wechselnden Szenen werden immer von einem anderen Darsteller erzählt und ironisch kommentiert, aus der Sicht eines aussenstehenden, allwissenden Erzählers. Die Geschichte fängt mit entscheidenden Wendungen im Leben an: Der erfolglose Musiker Mario hat die Liebe seines Lebens gefunden, der Karrierist Pablo erhält per Post eine abgeschnittene Hand, die Tierärztin Vicky entdeckt, dass ihr Vater auf dem Land eine zweite Familie hat, und Laura haut mit ihrem Freund und den Ersparnissen ihrer Eltern ab und will in Paris ein neues Leben anfangen.

So weit so gut. Der Alltag geht bald weiter. Pablo entwickelt eine Obsession mit seiner Hand, wobei aus diesem suspense-Element keine grosse Spannung erzeugt wird. Mario scheitert auch als Regisseur, wird aber als Statist und Produzent von Werbefilmen doch noch halbwegs erfolgreich. Laura trennt sich bald von ihrem Freund, geht zurück nach Argentinien, liebt und arbeitet und bleibt unglücklich, macht einen Selbstmordversuch, liebt und arbeitet weiter. Bei Vicky bestimmt das Verhältnis zu ihrem Vater das Leben.

Unglücklich

Aus Fragmenten dieser vier Lebensläufe entstehen die Geschichten, die in «El pasado es un animal grotesco» dargestellt, aber nicht wirklich erzählt werden. Zu unzusammenhängend wirkt das Stück, zu vieles wirkt zufällig: Die Lebenswege der vier Personen überschneiden sich zum Beispiel nur an zwei Punkten, zwei kurze zufällige Treffen. Auch die Einbettung in den historischen Rahmen geschieht nur am Rande, zentral ist das Privatleben der Figuren, und darin vor allem Arbeits- und Liebesleben. Ereignisse wie 9/11, die Finanzkrise oder der Nahostkonflikt blitzen kurz auf, werden aber nicht vertieft.

Trotz eines vielversprechenden Konzepts überzeugt die Vorführung nicht. Das durchgehende Erzählen und Kommentieren nervt mit der Zeit, die Geschichten sind oft banal und zu stark auf Ausschnitte reduziert, die Figuren bleiben blass und klischiert. Hat der Mensch gar keine Hoffnung auf Glück? Eine Figur sagt in einer der seltenen Szenen, in denen es gut geht: «Das sind die guten Zeiten, die man später als glücklich erinnert.» Doch insgesamt ist die Vergangenheit hier wirklich eine groteske Angelegenheit, und die Gegenwart nicht minder. Die Protagonisten können nicht mal von sich behaupten, was im titelgebenden Lied gesungen wird: «But at least I author my own disaster.» Sie lassen sich treiben, versuchen ihr Glück nur halbherzig – ihr Scheitern wirkt dementsprechend nachvollziehbar.

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