Die lange Reise ins Jahr 2050

Die Veranstaltung

Was: Lesung Texte des Monats 2010
Wo: Literaturhaus Zürich
Wann: 21.01.2011
Bereich: Literatur

Der Autor

Christian Felix: Jahrgang 1960, arbeitet seit 2004 selbstständig als Drehbuchautor. Daneben schreibt er Reden, Buchkritiken, Zeitungs-/Magazinartikel, sowie Editorials (www.christianfelix.ch)

Die Kritik

Lektorat: Lukas Meyer.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Literaturhaus Zürich (siehe Unabhängigkeit).

Von Christian Felix, 23.1.2011

Ein kalter Abend im Januar. Die Lesung der «Texte des Monats 2010» dauert lange. Das Literaturhaus hat 2010 zum zehnten Mal jeden Monat einen internationalen Schreibwettbewerb ausgeschrieben. Die zwölf Gewinnerinnen und Gewinner lesen alle (mit einer Ausnahme) aus ihren Texten vor. Die Jurymitglieder stellen jeder und jedem von ihnen Fragen dazu. Die ersten vier Lesungen sind schon abendfüllend. Zusätzlich geht den Lesungen ein Vortrag des Science Fiction-Fans Dr. Rainer Früh voran. Er führt ins Thema ein: Das Jahr 2050.

Hätte man also kürzen, beschleunigen müssen oder können oder dürfen? Nein. Was nach den ersten vier Lesungen folgt, verpasst man besser nicht. Und natürlich sollen alle Texte zum Zug kommen. Erst so entsteht ein Gesamtbild des Jahrs 2010 bzw. 2050. Es führt kein Weg darum herum: Literatur muss man sich eben erarbeiten wollen, und für einmal vielleicht auch den Inhalt dieser Kritik.

Science Fiction?

Der Vortragende Rainer Früh steckt einen mit seiner fast bübischen Freude an Science Fiction an und führte das Publikum gleichwohl auf den Holzweg, auf dem Dominik Busch, der Gewinner des Januar-Wettbewerbs, weiter schreitet. Er liest den packenden Beginn einer Science Fiction-Geschichte vor, in der jedoch einige Klischees aufblitzen. In älteren Zukunftsvisionen lebt die Menschheit im Jahr 2000 auf dem Mars und bei Busch weiß sie im Jahr 2050 nicht mal mehr, was Möbel sind. Dies belustigt immerhin, während man fantastische Klimaerwärmungsszenarien doch eher satt hat.

Bei Susanne Sourlier (Gewinnerin Februar) wacht ein Mann nach langem künstlichen Schlaf auf, um ein von einer heimatliebenden Partei geistig verheertes 2050 zu entdecken, dies im Dialog mit seinem inzwischen gleich alten Sohn. Amüsant! David Koch sodann verweigert sich jeder Zukunftsvorstellung. Heftig sein Text. Er will alles vom Leben – Jetzt! – dieses Alles verkörpert in wildem Sex zwischen Männern. Kochs durchkomponierter Wutausbruch macht hellhörig. Ist die Zukunft also scheißegal? Katharina Lanfranconi widerspricht mit leisen Tönen, sieht im Jahr 2050 eine bis dann steinalte Frau, die noch immer ihren Mann liebt, der schon lange tot ist. Diese Liebesgeschichte mit feinen, traurigen Untertönen stammt von einer erfahrenen Autorin. Das merkt man, auch an ihrem stimmigen Vortrag.

…oder auch nicht.

Die ersten vier Lesungen allein sind ein reiche Ausbeute. Dies spricht nicht zuletzt für die Jury. Die Kritik fährt nun schneller weiter, ungerechter-, aber notwendiger Weise, zumal auch das Publikum schon aus dem Saal tröpfelt. Dennoch: Obacht im Mai! Jetzt löst sich ein Irrtum auf. Das Thema 2050 zwingt ja gar nicht zur Science Fiction. Als Isabel Flynn eine Heirat droht, stellt sie sich vor, was für eine Bierwampe ihr Freund im Jahr 2050 mit sich herumtragen wird, und löst ihre bisher glückliche Beziehung auf. Sehr hintergründig gedacht. Andreas Gruber sodann liest aus seinem Krimi in der Art von Stanisław Lem; Rudolf Djiamedhian bringt formal etwas Spannendes: Dialog zwischen Computer und Programmiererin. Der Computer sagt stets Danke und kommt einem etwas chinesisch vor.

Der Herbst bringt dann reiche Ernte. Im September hat ein sprachlich wahnsinnig schöner Text gewonnen, musikalisch durchkomponiert, leuchtend vor Farbe, schnell und bewegend. Die Autorin Bettina Wohlfender trägt ihn gekonnt vor. Sie schlüpft in die Haut eines anderen Menschen, mit fatalen Folgen. Es lohnt sich vielleicht, diese poetische Fantasie nochmals laut zu lesen, in der Anthologie, die kostenlos unter www.literaturhaus.ch erhältlich ist.

René Egger, Gewinner im Oktober, fesselt mit seinem Vortrag, rauchig, packend, leicht fahrig, als erleide er selbst den offenen Schienbeinbruch seiner Figur beim Ausbruch aus einem Überwachungsknast. Bei Peter Gschwend sieht sich das einzige Mal ein Jurymitglied veranlasst, die Textauswahl zu rechtfertigen. Mit gewissem Grund. Das Jahr (10 oder 50) schließt Ruth Loosli mit einem Gedicht ab. Es klingt harmlos, nett sogar, handelt von Bergen und Geranien und entblößt seine böse Ironie in gerade Mal einem Augenzwinkern.

Zwischen Zukunft und Gegenwart

Und nun? Wie wird das Jahr 2050? Der Tenor aller Texte zusammen genommen, ist nachdenklich, traurig und auch wütend. Technische Spielereien spielen die geringste Rolle. Ebenso politische Fiktionen. Dafür scheint immer wieder die Angst hervor, dass alle Kultur verloren geht. Wird es überhaupt noch Bücher geben, 2050? Noch eine Sprache? Welche Sprache? Werden sich menschliche Gefühle ausdrücken können? Zukunftsvisionen spiegeln natürlich die Gegenwart. Gerade die literarische Kultur scheint schon 2010 bedroht. Es gibt an besonderen Orten wie dem Literaturhaus Sprache, Literatur, sprechen über Literatur.

Nur eben, Literatur will erarbeitet werden. Das macht Freude. Die „Lesung der Texte des Monats 2010“ beweist es.

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