Fiktive Kriege und zerstückelte Klassiker

Die Veranstaltung

Was: Hilde an der Sihl, der zweite Tag
Wo: Theater der Künste, Bühne A
Wann: 07.10.2011
Bereich: Theater

Der Autor

Lukas Meyer: Jahrgang 1983, studierte Philosophie, Geschichte und Literatur und arbeitet als freier Journalist und Texter in Zürich.

Die Kritik

Lektorat: Christian Felix.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Zürcher Hochschule der Künste (siehe Unabhängigkeit).

Von Lukas Meyer, 11.10.2011

Der zweite Abend des Theaterfestivals «Hilde an der Sihl» bot, wie schon der erste, zwei Aufführungen, je eine aus Zürich und Hildesheim. Das Programm versprach viel: «2001 – Drei Schweizer Geschichten» wollte mit privaten Erinnerungen eine Geschichte der Nation erzählen, die mit dem November 2001 zu tun hat. «The tragedy formerly known as Hamlet» machte sich auf die Suche nach dem Hamlet unserer Generation.

Was geschah im November 2001?

Mit der Frage im Kopf, was im November 2001 denn Spezielles vorgefallen war, ging man ins Theater, und wurde Zeuge, wie drei junge Leute abwechslungsweise von ihrer Kindheit und Jugend erzählten. Man wusste nicht so recht, was das sollte, und die Aufführung begann einen zu langweilen. Doch als die Drei zum November 2001 kamen und vom Privaten ins Politische, vom möglicherweise Realen ins offen Fiktive, änderte sich das. Bomben aufs Bundeshaus, die Schweiz im Krieg, das war das anti-utopische Szenario.
Auch wenn die Erzählung vom Krieg in der Schweiz nicht ins Detail ging, war sie irgendwie schockierend. Ein kurzer Einschub auf der Metaebene – eine Schauspielerin fällt plötzlich aus ihrer Rolle und sagt immerzu «Es gab nie einen Krieg in der Schweiz! Das sind nicht unsere reale Erinnerungen. Wir erfinden nur etwas.» – wurde zum Schluss ziemlich brutal aufgelöst, als dieselbe Schauspielerin in ihre Rolle zurückfiel mit der Schilderung, wie ihr Vater und ihre Schwester von einer Bombe getroffen werden.

In seiner Entwicklung überraschend und gerade durch die auf jegliche Effekte verzichtende Vorführung wirkungsvoll, regte das Stück an – als Gedankenexperiment zum Thema private und/versus kollektive Erinnerung und nicht als politisch suggestives Stück (so von wegen «Die Schweiz muss immer bereit sein und braucht darum eine Fünf-Milliarden-Armee»). Es wird kein Feind genannt, keine Ursache. Der Krieg kommt unvermittelt und ohne Hintergrund, als das schreckliche Ereignis, das er immer ist.

Hamlet-Variationen

Hamlet als betrunkene Partytouristin. Hamlet als kuschelbedürftiger Querdenker, der die Barriere zwischen Bühne und Publikum überwinden will. Hamlet als sanfter Möchtegernheld. Einen bunten Reigen präsentierte die Gruppe «Gianni Castelucci» aus Hildesheim, vier Schauspieler und zwei DJs, mit dem Ziel, den Hamlet unserer Generation zu finden. Nun werden im zeitgenössischen Theater gerne klassische Stoffe neue interpretiert, abgewandelt, verfremdet – aber so weit vom Text entfernt man sich doch selten.

Was hatte das überhaupt noch mit Shakespeare zu tun? Wer ist denn Hamlet überhaupt? Ein Königssohn, der sich für den Mord an seinem Vater rächen will und also seinen Onkel/Stiefvater und seine Mutter umbringt und selbst dabei drauf geht. Doch wie wäre Hamlet heute? Was macht ihn aus? Sein Durst nach Rache, seine philosophischen Zweifel, seine spruchreifen Zeilen? Keine einzige davon wurde zitiert. Erst gegen Schluss versuchten die Schauspieler Szenen aus dem Stück zu spielen, sie wollten Rache üben respektive die Rache darstellen, versuchten es dabei mit verschiedenen Kunstgriffen:  Kunstblut, Plastikschwerter, Ohrfeigen aus dem Publikum – es gelang nicht so recht.

Das Publikum kam oft zum Einsatz, wobei manchmal nicht klar wurde,  ob jemand eingeweiht oder wirklich alles so frei improvisiert war. Manche Zuschauer waren unterhalten, manche verärgert, und im Nachgespräch, das in eine Party überging, wurde stundenlang über das Stück diskutiert – was das nachträgliche Schreiben darüber nicht einfacher macht. Um doch noch ein persönliches Fazit zu ziehen: Als Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Theaters konnte das Stück vieles aufzeigen und wirkte überzeugend, auch wenn es das vordergründige Ziel, den heutigen Hamlet zu finden, natürlich verfehlte.

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