17 Hirschporträts und ein Geweih

Die Veranstaltung

Was: «the forever ending story» presents Erik van der Weijde: Deer Park
Wo: Wäscherei
Wann: 18.07.2011
Bereiche: Bildende Kunst, Film+Fotografie

Die Autorin

Gabriele Spiller: Kulturvermittlerin, Journalistin und Autorin: http://gabriele-spiller.jimdo.com

Die Kritik

Lektorat: Lukas Meyer.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Wäscherei / Kunstverein Zürich (siehe Unabhängigkeit).

Von Gabriele Spiller, 19.7.2011

Niedliche Rehe haben sich in die Wäscherei, den Kunstverein Zürich, verirrt. In Rudeln zu vier und elf Tieren hängen sie an zwei Wänden und schauen sanft, scheu und in sich selbst ruhend auf den Betrachter oder an ihm vorbei. Ein mächtiges Hirschgeweih prangt als Intervention des Künstlerkollektivs «the forever ending story», das die Ausstellung kuratiert, an einer dritten Wand. Willkommen im «Deer Park».

Ist es so, wie es scheint?

Der Dordrechter Künstler Erik van der Weijde, Jahrgang 1977, hat die japanischen Sikahirsche im Park von Nara fotografiert und als Momentaufnahme in den Kunstraum transportiert. Jedes Tier hat er in einer anderen Perspektive eingefangen: von schräg oben, um 90 Grad gedreht, frontal geblitzt, aus der Froschperspektive, aus unterschiedlichen Entfernungen. So entsteht eine quasi zufällige Anordnung, die er in der Installation noch farblich highlightet. Aus den schwarz-weiss gehaltenen Aufnahmen sticht in der kleinen Werkgruppe ein rotes Bild hervor, aus der grösseren Gruppe ein gelbes und eines in Cyan.

Diesen Effekt erzielt van der Weijde mittels Risografie, einem Siebdruckverfahren, das ebenfalls aus Japan stammt. Das Rotwild-Gehege kann man mit nach Hause nehmen, denn eine Auswahl der Hirschbilder ist in einer nummerierten Auflage von 200 Exemplaren bei der Edition Taube erschienen. Dieses «Zine» (eine Sammlung von Beiträgen) gehörte zur offiziellen Auswahl der Künstlerbücher 2011 an der Art Basel. Ausserdem hat van der Weijde zwei ausgewählte Tierporträts in Passepartouts gerahmt und bietet sie Kunstfreunden feil, denen ein Hirschgeweih über der Couch dann doch zu opulent ist.

Zufall oder Schicksal?

Die harmlosen Aufnahmen bekommen eine besondere Konnotation, wenn man berücksichtigt, dass Van der Weijdes Japan-Reise einen anderen Verlauf nehmen sollte, den die Katastrophe von Fukushima durchkreuzte. Die Routenänderung führte ihn in nach Nara, wo die heiligen Hirsche seit über 1000 Jahren rund um den Kasuga-Schrein unbehelligt leben. Sie waren ein Teil der Ahnenverehrung der herrschenden Adelsfamilie. Man nahm an, dass die angebeteten Gottheiten auf Hirschen reiten.

Während rund 500 Kilometer entfernt die Menschen gegen den atomaren Super-GAU ankämpfen, kauen die Nara-Hirsche wie eh und je an ihren Reisgebäckkolben. Eine Idylle im Streichelzoo, ein Stück heile Welt in einem Land, das die Auswirkungen der Reaktor-Havarien heute noch nicht absehen kann. Die Ausstellung «Deer Park» ist bis 28. Juli in der Dienerstrasse 70 im Kreis 4 zu sehen. Auch darüber hinaus bleibt die Wäscherei als «chambre modulable» eine spannende Adresse für Film, zeitgenössische Kunst, Literatur, Musik, Design und Nachbarschaftsprojekte.

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