Sein oder Schein – was ist hier die Frage?

Die Veranstaltung

Was: Rona Zulj / Miran Kurspahic: Geography Victims
Wo: Theaterhaus Gessnerallee Zürich
Wann: 15.04.2010 bis 17.04.2010
Bereich: Theater

Die Kritik

Lektorat: Stefan Schöbi.
Diese Kritik wurde in Auftrag gegeben und bezahlt von: Theaterhaus Gessnerallee (siehe Unabhängigkeit).

Von , 20.4.2010

Das Studenten-Center aus Zagreb versuchte, die Zerrissenheit unserer globalen Welt in einer Theaterperformance auf die Bühne zu bringen. Dieses Unterfangen mit dem Titel «Geography Victims» schien schwer genug. Erschwerend wirkte der Entscheid der drei Hauptdarsteller, das Stück mit dem Mittel einer sogenannten «falschen Dokumentation» via Leinwand zusätzlich zu verwirren. So tauchten etwa Bilder von Fussballspielern mit den Gesichtszügen der Protagonisten auf. Der Star David Beckham trug die Vermarktung seines Körpers zur Schau. Seine Stimme ging zu Herzen, vor allem, als er den Begriff der poetischen Gerechtigkeit ins Spiel brachte.

Die dreiköpfige studentische Kompagnie ist an der Universität Zagreb beheimatet. Sie war von der Koproduktionsinitiative «Connections» eingeladen worden, was im Stück auch thematisiert wurde. Der aus Film und Fernsehen bekannte Miran Kurspahic spielte sich dabei gleich selbst, und zwar als Theaterautor, Regisseur und Privatperson.

Kroatienbild aus surrealen Versatzstücken

Dieses Spiel mit Fiktion und Realität setzte sich fort – und gelang auf eine unalltägliche Weise. Die Darsteller blieben in jeder Rolle authentisch und bemerkenswert nah am Publikum. Körper und Sprache bildeten eine Einheit, welche die Zuschauer in eine surreale Welt entführte und sie dennoch verstört zurück liess.

Ein paar Beispiele. Als Femme Fatale sang die Ideengeberin und Autorin des Stücks, gespielt von Sven Jakir, im Stil eines Chansons über ihre Rolle als Frau in der Fremde. Unter dem Titel «Schengen röntgen» beschrieben die drei Männer in Anspielung auf das Schengener Abkommen ihre kroatische Heimat. Sie sparten dabei nicht an Klischees wie dem Sliwowitz oder dem dalmatinischen Räucherschinken, der ihnen die Geschichte Kroatiens ins Ohr flüstere. In einem anderen Lied skandierten sie «The whole Europe is dancing – so do we», begleitet von den stereotypen Bewegungen von Autofahrern, um dann urplötzlich als Hooligans grölend ihre Fussballstars zu feiern. Unter dem Titel «Friendship» gingen sie gesellschaftlichen Einstellungen wie Homophobie und Antisemitismus auf den Grund. Die Tonart war direkt – bis an die Grenzen des Geschmacks («ist hier jemand Jude oder schwul?»).

Entwurzelung in der multinationalen Gesellschaft

Alle im Stück aufgegriffenen Themen verband das Motiv der Entwurzelung, beispielhaft vor Augen geführt anhand von Fragen der Mikropolitik und der Kunstpolitik. «Zuhause» war denn auch ein immer wiederkehrendes Motiv ihrer Handlungen, wobei sie sich selbst als Opfer der Geografie definierten. Die Darstellungen zeigten Menschen in einem Strudel aus realen und falschen Erwartungen. Im Zentrum stand der Wunsch nach Selbstdarstellung inmitten poetischer Gegensätze, Ängste und Herausforderung in einer multinationalen Welt. Die Wirkungen der Transnationalisierung auf das Individuum wurden einleuchtend und sinnlich vorgeführt. Rona Zulj gelang mit diesem Stück ein sehr authentisches Bild individueller Fremdheit in einer unübersichtlich gewordenen Welt. Leider war der Blick auf diese Zustände nicht so sehr kritisch als vor allem dokumentarisch. Es ging der Autorin eher um die Darstellung von Gefühlen als um Lösungen.

Die rasante Spielweise, wohl Ausdruck einer atemlosen Zeit und unserer Unbehaustheit, wurde indes gut vermittelt. Am stimmigsten gelangen die sportlichen Einlagen, beispielsweise, als sie Schlägereien imitierten. Die Darsteller schafften es, das hohe Spieltempo mit den Inhalten zu koordinieren und zugleich ihr Spiel natürlich wirken zu lassen. Die herausragende Qualität der Inszenierung lag jedoch im intelligenten Umgang mit dem szenischen Witz und der Situationskomik.

Das Ergebnis gefiel – trotz oder gerade wegen der Kargheit der Bühne und einem sehr sparsamen Einsatz an Effekten. Nicht zuletzt war dies auch an den Reaktionen des Publikums abzulesen.

Allein die Frage nach dem mysteriösen dritten Gast blieb bis zuletzt im Raum und erinnerte thematisch an «Warten auf Godot» von Molière. Oder sass der Gast unter den Zuschauern? Am Ende des Stücks bat der Schauspieler Dean Krivacic einen Mann im Publikum: «Sei mein Produzent!»

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